„Wenn ich auf der Bühne bin, ist alles andere weg“

Das kleine Zürcher Behindertentheater HORA reist in die grosse Welt. Nächster Halt: Seoul, Südkorea.

(Reportage im „Magazin“)

Hoch über den Wolken sitzt Matthias Brücker auf einem Sessel mit dunkelblauem Polster und singt den 80er-Jahre-Hit «Looking for Freedom». Im Flugzeug ist es kühl, es riecht nach Raumspray, und über allem dröhnt das Rauschen der Lüftung. Matthias hat Kopfhörer über die Ohren gestülpt, er singt durch das Rauschen hindurch, trifft die Töne nicht, und die englischen Wörter spricht er seltsam aus. Aber das ist nicht so wichtig.

Wenn Matthias singt, nennen es seine Schauspielkollegen Werwolfgesang, sie meinen das nicht abschätzig, überhaupt ist dieses Flugzeug viel zu aufregend. Einer sitzt am Fenster und klatscht nur noch in die Hände vor Freude, ein anderer schaut auf die Wolken hinunter und sagt: «Das ist wie in einer Dachwohnung», und wenn das Flugzeug in ein Luftloch stürzt, dann stampfen sie mit den Füssen und rufen: «Noch mal bitte!»

Matthias ist 22 und hat das Downsyndrom. Sechs seiner Schauspielkollegen haben ebenfalls Trisomie 21, drei weitere haben eine Lernbehinderung. Sie sind auf dem Weg nach Seoul, der Hauptstadt Südkoreas. Sie sind Schauspieler des Zürcher Theaters HORA und wurden an ein Festival für zeitgenössische Kunst namens Bom eingeladen. «Bom» bedeutet im Koreanischen «Frühling» und «sehen». Das Festival feiert das Ende des Winters, wenn Kirschbaum und Magnolie blühen, wenn die Welt zu Schönheit erwacht. Dieses Jahr trübt die Freude allerdings die Krise mit Nordkorea. Doch an den Führer Kim Jong-un, der in diesen Tagen mit Atomkrieg droht, verschwendet Matthias keinen Gedanken. Viel wichtiger ist das nächste Luftloch, zudem darf er sich vom Getränkewagen Cola oder Orangensaft auswählen, er bekommt Chicken Sweet and Sour serviert und Vanillecreme zum Dessert. «Ich bin verliebt», sagt Matthias.

In gewisser Weise begann diese Reise vor einem Jahr, am 10. Mai 2012, als die Theatergruppe HORA am «Kunsten Festival» in Brüssel ihr Stück «Disabled Theater» vorstellte. Allein dass sie in Brüssel auftreten durften, grenzte schon an ein kleines Wunder. Es ist nicht lange her, da spielten sie noch vor ein paar Sozialarbeitern in Wollsocken in irgendeinem Hinterzimmer in irgendwelchen stickigen Restaurants in Bülach, Buchs oder Bassersdorf. Und dann also Brüssel. Im Zuschauerraum sass eine der einflussreichsten Kuratorinnen, die Belgierin Frie Leysen, die mitten im Stück empört den Saal verliess. Die Kritiker schrieben hinterher von Unbehagen, von einer «Freakshow», aber sie schrieben auch, sie seien zu Tränen gerührt gewesen. Später nahm die englische Zeitung «The Guardian» die Geschichte über die Behinderten aus Zürich auf, dann die «New York Times». HORA wurde an die wichtigsten Festivals für zeitgenössische Kunst in Europa eingeladen: Documenta, Ruhrtriennale, Festival d’Avignon. Sie spielten in ausverkauften Sälen in Berlin, Budapest, Mailand, Paris, und was die Zuschauer zu sehen bekamen, war ungemütlich, schmerzhaft und aufwühlend.

«Ich bin ein verdammter Mongo, und das tut mir weh», stottert die kleine, rundliche Lorraine ins Mikrofon, um kurz darauf zu «Dancing Queen» von ABBA abzutanzen. Natürlich ist sie keine Ballerina. Es sieht auch nicht wirklich schön aus, wenn sich Julia auf der Bühne den Dreck zwischen den Zehen klaubt, wenn Matthias Dinge erzählt, die keinen Sinn ergeben. Doch genau darum ging es dem französischen Choreografen Jérôme Bel, der das Stück inszenierte: Er stellt Menschen mit geistiger Behinderung in Alltagskleidern auf die Bühne und zeigt, wie sie sind: Sie tanzen, reden, manchmal tun sie auch minutenlang nichts, aber vor allem zeigt Jérôme Bel, wie gestört unser Verhältnis zu solchen Menschen ist, wie unsicher wir uns alle fühlen. Darf man über Behinderte lachen? Soll man sie bemitleiden? Soll man klatschen, wenn sie stottern oder ihren Einsatz verpassen? Darf man überhaupt zusehen, wie sie schutzlos auf der Bühne stehen, um ihr Innerstes preiszugeben? Ein italienischer Kritiker war derart verdattert, dass er einen Artikel über die Verwirrung schrieb, die das Stück bei ihm ausgelöst hatte, und nicht über das Stück selbst.

Seit dem 10. Mai letzten Jahres hat Giancarlo Marinucci kaum noch eine ruhige Minute. Marinucci ist Geschäftsführer von HORA, und Freunde raten ihm, sich endlich mal wieder zu entspannen. Alle paar Tage erhält er Anfragen von Kunststudenten, die die Inszenierung analysieren wollen. Festivalleiter rund um den Globus laden das kleine HORA ein. Eine USA-Tournee ist so gut wie organisiert, von einer Südamerikatournee ist die Rede. «Wir spielen jetzt in der Champions League», sagt Marinucci, «und das ist für uns eine grosse Chance.» Es werfe aber auch Fragen auf: Marinucci ist seit zwölf Jahren bei HORA, hat seine Schauspieler an Hunderten von Auftritten in der Deutschschweiz begleitet, und jetzt weiss er nicht, wie sinnvoll es ist, für vier Shows nach Südkorea zu fliegen. Der ganze Stress. Der Jetlag. Die Tage ohne Eltern. Was ist, wenn einer krank wird? Austickt? Was, wenn etwas Unkontrollierbares geschieht? Ohnehin hat er Zweifel in Bezug auf Asien, er befürchtet, die Kultur könnte nicht offen genug sein für dieses Stück. «Wir werden sie schockieren, sie werden die Welt nicht mehr verstehen», sagt er.

Matthias trippelt durch die riesigen Hallen des Flughafens Incheon in Seoul. Er hat einen federnden Schritt, als liefe er über Gummi, seine Kopfhörer hat er sich um den Hals geklemmt, seine 50-Cent-Basketballmütze trägt er verkehrt herum, und über seinem Kopf funkeln unzählige kleine Lampen wie Sterne von der Decke herab. Hinter der Passkontrolle, die er so routiniert durchquert, als würde er das jeden Tag tun, warten die anderen: Gianni steht etwas verloren da und schaut schief über seinen Brillenrand hinweg. Remo, gross und 144 Kilo schwer, wippt vor und zurück und spielt mit einem Stück Schnur; das tut er immer, wenn ihm langweilig ist. Sara sitzt im Schneidersitz auf dem Boden und liest sich selber aus einem Buch vor. Julia, 20 Jahre alt, bohrt in der Nase, was sie sich längst abgewöhnen will, «so etwas braucht viel Zeit», sagt sie, es sei schwierig, aber es müsse weg, denn wenn sie bohrt, sagen die Leute, sie sei behindert, und das wolle sie nicht. Matthias steht daneben und nickt. «Ich habe das Problem mit dem Stottern», sagt er. Wenn er stottert, würden die Leute auf ihn zeigen und sagen: «Schau, das ist ein Möngi.»

Einige Stunden später hockt er zusammengesunken vor einem Becher Schokomilch, es ist kurz vor Mitternacht, in dem kleinen Café im Zentrum der Stadt sitzen auch ein paar junge Studenten und surfen im Netz. Matthias weint, das Kinn auf der Brust, Tränen fallen ihm auf seine dicken Brillengläser. Aber er will niemandem erklären, was los ist. Da steht Tiziana auf, seine Schauspielkollegin, tritt von hinten an ihn heran und legt ihm die Arme um den Hals. Sie wiegt ihn hin und her. Matthias schaut auf und lächelt. «Ich bin verliebt», sagt er, wie schon im Flugzeug, und er greift nach ihren Armen und lehnt den Kopf nach hinten an ihren Bauch. Sie stehen auf und gehen in kleinen Schritten durch die Nacht, koreanische Schriftzeichen blinken in der Finsternis, Dampf steigt von Garküchen auf, wo Krebse und Tintenfische in grossen Bottichen schwimmen, aber sie nehmen das gar nicht wahr. Anders als andere Touristen staunen sie weder über die Höhe der Wolkenkratzer noch über die surrenden Leuchtreklamen. Sie reden nicht über die grünen Busse, die die Strassen verstopfen, sie sind einfach da und laufen zu ihrem Hotel, es könnte auch das Quartiersträsschen sein, wo ihre Eltern wohnen. Es gibt keinen Kulturschock, es gibt nicht viel zu sagen, Matthias hat sowieso anderes im Kopf. Er richtet den Blick auf die Pflastersteine unter seinen Füssen und kichert. Damals, in Berlin, als sie «Disabled Theater» spielten, hätten sie sich zum ersten Mal geküsst, Tiziana und er. Ein Zungenkuss. Ein echter. Und er hat von Sex geträumt. Am nächsten Morgen sei er verliebt gewesen. «Tiziana ist meine Traumfrau, so eine Schöne finde ich nie mehr.»

«Wir alle haben Vorurteile gegenüber Behinderten», sagt Seong Hee Kim, künstlerische Leiterin des Bom-Festivals, am nächsten Tag. Sie sitzt an einem kleinen Tisch aus Holzimitat im Foyer der Mary Hall, des Theaters, wo die Schauspieler in 48 Stunden auftreten werden. Seong Hee Kim ist eine junge Frau ganz in Schwarz, sie unterrichtet zeitgenössische Kunst an der Kaywon University, mit diesem Job verdient sie Geld. In ihrer Freizeit organisiert sie das Festival. Seong Hee Kim verfolgt die Arbeiten des französischen Choreografen Jérôme Bel seit Jahren. Alle seine wichtigen Stücke hat sie gesehen, für «Disabled Theater» reiste sie extra nach Europa. Sie hielt das Stück für riskant, wie sie es von Bel gewohnt ist. Aber genau das mag sie an ihm, sagt Seong Hee Kim: dass er die Zuschauer aus ihrer Wohlfühlzone hinausbugsiert und zum Denken anregt.

Der Mann, der das kleine Theater HORA in die grosse Welt brachte, liegt in seinem Wohnzimmer in Paris. Dort ist es Abend, kurz nach sechs. Jérôme Bel liegt auf einem roten Kissen und trägt ein kariertes Hemd, ein schmaler Mann von 48 Jahren, mit viel Charisma und wilden Gesten. Über «Disabled Theater» sagt er im Videointerview per Skype: «Nur etwa fünf Prozent der Zuschauer wollen mich umbringen und sagen, ich sei ein Monster. Das geht ja noch.»

Herr Bel, Ihre Kritiker sagen, es gehe Ihnen nur um Provokation. Wie sehen Sie sich selber?

«Menschen, die Grenzen neu ausloten – das ist für mich Kunst», sagt er, und dann sagt er lange nichts mehr.

Bel studierte Tanz in Frankreich und arbeitete während zehn Jahren als Tänzer. Ab 1994 entwickelte er seine ersten eigenen Stücke. In «Véronique Doisneau» aus dem Jahr 2004 pickte er eine von vielen Tänzerinnen der Pariser Oper heraus, stellte sie allein auf die Bühne und liess sie erzählen, wie es ist, wenn man eine von vielen ist. 2005 inszenierte Bel «Pichet Klunchun and Myself», in dem er selber spielt, zusammen mit dem thailändischen Tänzer Pichet Klunchun. Es wird viel über Tanz geredet, aber eigentlich geht es um Kulturen, die aufeinanderprallen, und um Vorurteile.

Unvermittelt fragt Klunchun: «Was ist eigentlich dein Job?»

Bel sagt: «Darüber nachzudenken, was in einem Theater passieren kann.»

Klunchun: «Es tut mir leid, aber das verstehe ich nicht.»

Bel: «Da bist du nicht allein.»

Bel hat immer wieder kleinere und grössere Skandale verursacht, Zuschauer stürzten brüllend auf die Bühne oder verliessen den Saal und knallten die Tür hinter sich zu. In der Theaterszene erzählt man sich eine Episode, wonach Bel vor Gericht gezerrt worden sei, ein Zuschauer habe ihn verklagt: Ein Stück war als Tanz deklariert, aber man bekam während der ganzen Aufführung keinen einzigen Tanzschritt zu sehen. Geniesst er das? «Nein, aber ich geniesse die Herausforderung.»

Als die Anfrage von HORA im Posteingang seines Computers erschien und die Zürcher ihm anboten, mit Menschen mit Behinderung zusammenzuarbeiten, schrieb Bel zurück: «Keine Zeit.» Dann bekam er ein schlechtes Gewissen, wollte freundlich sein und bat um eine DVD, um sich die Arbeiten anzusehen. Und als er sie sah, passierte das Gegenteil dessen, was er erwartet hatte. «Ich war überwältigt.»

Wovon?

«Dass sie sich nicht an unsere Regeln halten. Die Gesellschaft ist voller Normen und Vorschriften, und seit Jahren suche ich nach Möglichkeiten, diesen Code zu brechen – und die Menschen mit Behinderung tun das ganz natürlich.» Er sei vor seinem Computer gesessen, erzählt Bel, «und ich wusste: Etwas Grosses ist passiert».

Wieder ist es Nacht in Seoul, noch 24 Stunden bis zum Auftritt. Matthias, Julia und die anderen Schauspieler schlendern mit vollen Bäuchen durch das Vergnügungsviertel Sinchon. Kurz zuvor sassen sie auf Kissen am Boden eines Restaurants, eine heisse Platte vor sich, auf der man Fleisch braten konnte. «Die Saucen waren ein wenig scharf», sagen sie, aber der Speck war gut und der Tee sowieso. «Das ist mein Land», ruft Matthias begeistert, er liebe dieses Essen, er liebe diese Menschen, die Lichter, diese Gesichter. «Sie haben Schlitzaugen wie ich», sagt Matthias: «Ich bin hier zu Hause.»

Später schiessen sie auf dem Markt Dartpfeile auf Luftballons, zur Belohnung gibt es ein Plüschtier, und mit Teddybär und Tiger im Arm betreten sie eine Bar. Es ist dunkel, Popmusik wummert aus den Lautsprechern, die Drinks hier heissen Irish Bomb, Adios Motherfucker, Sex & Zen und Monkey Brain. Gianni setzt sich an die Bar und schläft ein, der Jetlag, Tiziana aber fängt mitten in der Bar zu tanzen an, Miranda, sonst eher schüchtern, zieht ihre Jacke aus und macht mit. Matthias hüpft auf und ab.

Entlang der Wände sitzen junge Koreaner in kleinen Gruppen beisammen und plaudern oder streichen über ihre Smartphones; es dauert nicht lange, bis die Ersten aufstehen und die Bar verlassen. Der Barkeeper steht hinter seinem Zapfhahn und schaut zu, wie seine Gäste verschwinden, aber was soll er schon tun – die behinderten Schweizer aus der Bar werfen? Während Jon Bon Jovi aus den Lautsprechern schreit: «I just wanna live while I’m alive», dreht sich eine Discokugel an der Decke und projiziert kleine Lichter auf den Boden: Matthias schüttelt die Arme, schüttelt die Beine, schüttelt den Kopf, er rennt in Kreisen durch die leere Bar, zwischen den Plüschtieren durch, an den Bartischen vorbei, Hocker wanken, Biergläser wackeln, «It’s my life!» brüllt er und stösst die Faust durch die Luft. Und während die drei Schauspieler wild tanzen, steht der Barkeeper draussen in der Kälte und winkt jeden, der in seine Bar will, vorbei.

«Die koreanische Gesellschaft ist erbarmungslos», sagt Andrew Eungi Kim, Soziologieprofessor an der Korea University in Seoul. Die Universität hat eine eigene U-Bahn-Station, unzählige Restaurants und Cafés; Bentleys, Mercedes und Audis stehen vor neugotischen Prachtbauten, die an den Londoner Westminster Palace erinnern, es ist eine Stadt in der Stadt. Dieser Campus soll imponieren – hier studiert die Elite, hier werden Präsidenten, CEOs und Staranwälte gemacht. Professor Kim ist ein Mann Mitte vierzig, er trägt einen blauen Wollpulli und sitzt in seinem Büro Nummer 532, Bücher vom Boden bis zur Decke, nur ein einziges Fenster ist frei, doch die Jalousien sind heruntergelassen. Würde er sie hochziehen, hätte er einen prächtigen Blick den Hügel hinunter auf diese hoch technisierte Stadt.

«Das Anderssein hat in Korea keinen Platz», sagt Kim. Er spricht von Konfuzianismus, von Normierung, von der Wichtigkeit des Erfolgs, vom Stigma des Versagens, von den Unsummen, die Eltern in Nachhilfestunden investieren, damit ihre Kinder beste Noten heimbringen. «Im Westen gehen die Kinder nach der Schule auf den Spielplatz, hier büffeln sie Englisch oder Geschichte und leiden an Schlafentzug», sagt Kim. Den Grund dafür sieht er im tief verwurzelten Glauben der Koreaner, dass gebildete Menschen bessere Menschen sind. Dieser Glauben fusst in den Lehren des Philosophen Konfuzius, den Kim nicht ausstehen kann, «ich hasse den Kerl». Denn heute, 2500 Jahre nach Konfuzius, stehen auf der obersten Stufe der sozialen Hierarchie jene, die eine Eliteuniversität besuchten, auf der untersten Stufe jene, die kaum ihre Schuhe schnüren können.

Eine Frau, die sich seit Jahrzehnten mit Behinderung in Südkorea befasst, ist Ki-Hwa Chae. Sie unterrichtet Sonderpädagogik an der Sungkonghoe University, einer Uni, die bekannt dafür ist, politisch links zu stehen. Viele Professoren, die hier arbeiten, nahmen in den 1980er-Jahren an Studentenprotesten teil und forderten von der Regierung mehr Demokratie und weniger diktatorische Härte. Während dieser Zeit war Ki-Hwa Chae in Deutschland, im Jahr 2000 erschien dort ihre Doktorarbeit über Behinderung in Südkorea. In ihrem Buch zeichnet sie das düstere Bild eines Staates, der Menschen mit Behinderung nicht integrieren will, und einer Gesellschaft, die es für notwendig hält, behinderte Kinder vor der Allgemeinheit zu verstecken.

«Zum Glück hat sich in den letzten zehn Jahren viel verändert», sagt Ki-Hwa Chae. Seit Ende der 1980er-Jahre gab es schrittweise mehr Demokratie im Land, ab 1998 fing der Staat an, in soziale Projekte zu investieren. Es wurden Zentren für Menschen mit Behinderung gebaut, ein regelrechter Boom begann, heute gibt es doppelt so viele Angebote wie noch vor zehn Jahren. Gemäss Ki-Hwa Chae ist die heutige Situation noch nicht vergleichbar mit jener im Westen, aber immerhin ist es besser als früher. «Die wichtigste Änderung ist, dass die Menschen umzudenken beginnen und ihre behinderten Kinder immer häufiger in der Öffentlichkeit zeigen.»

Einer dieser Menschen ist Chung Ryul Kim, ein kleiner Mann mit grauem Haar. Er sitzt im dritten Stock der Korea Down Syndrome Society. Kims Sohn kam mit Downsyndrom zur Welt, was die Eltern zwei Monate nach der Geburt erfuhren. Hätte er seine Frau zur Abtreibung bewegt, falls er die Möglichkeit gehabt hätte? Kim beantwortet die Frage mit einem steinernen Blick. Abtreibungen sind ein heikles Thema in Südkorea, das weltweit eine der tiefsten Geburtenraten hat. Offizielle Presseanfragen dazu beantwortet die Regierung nicht.

In der Schweiz werden 95 Prozent der Schwangerschaften abgebrochen, bei denen die pränatale Diagnostik ein erhöhtes Risiko auf Downsyndrom ergibt. Das ist eine Schätzung von Experten, Statistiken gibt es nicht. Verschiedene Autoren fordern in neueren Büchern, unser Verhältnis zum Anderssein zu überdenken. Durch die medizinischen Abklärungen während der Schwangerschaft lässt sich immer leichter bestimmen, ob ein Mensch der Norm entspricht oder eben nicht. Die Autoren argumentieren, der gesellschaftliche Druck auf die Eltern wachse, ihre ungeborenen Kinder abtreiben zu müssen. Julia Häusermanns Mutter wurde nach der Downsyndrom-Diagnose ihrer Tochter so lange zur Abtreibung geraten, bis dem Vater, Ruedi, der Geduldsfaden riss und er zum Arzt sagte: «Warum sind wir dann nicht so ehrlich und entscheiden das nach der Geburt?»

Wie in der Schweiz gibt es auch in Südkorea keine offiziellen Zahlen, wie viele Embryos abgetrieben werden, weil sich während der Schwangerschaft Auffälligkeiten zeigen. Chung Ryul Kim vermutet, die Rate liege bestimmt bei über 90 Prozent. «Nach der Geburt meines Sohnes begann ich andere Familien zu suchen, die ebenfalls Kinder mit Behinderung hatten. Aber es war schwierig, denn sie trauten sich nicht aus ihren Häusern», sagt er. Er klapperte die Spitäler von Seoul ab, verteilte Flugblätter. Mit drei betroffenen Familien gründete er die Down Syndrome Society. Als sein Sohn ins Schulalter kam, konnte er eine Primarschule dazu überreden, das Kind aufzunehmen. «Ich sagte: Ich schicke meinen Sohn nicht zu euch, damit er etwas lernt – ich schicke ihn, damit ihr etwas von ihm lernt.»

Seiner Society traten weitere Familien bei, sie sammelten Geld, und 2003 bekam Chung Ryul Kim genügend Unterstützung vom Staat, um ein vierstöckiges Gebäude zu bauen, in dem heute 27 Lehrer angestellt sind, die sich um 300 Kinder und Jugendliche mit geistiger Behinderung kümmern. Das Zentrum hat Schulzimmer, eine Werkstatt, eine Tagesstätte, Computerräume, ein kleines Café und einen Tanzraum, wo traditionelle Tänze einstudiert werden. Wäre HORA in Südkorea denkbar? «Noch nicht. Aber die Idee gefällt mir.»

Das Theater HORA wurde vor 20 Jahren gegründet. «Seit den allerersten Aufführungen gibt es Kritiker, die behaupten, Behinderte gehören nicht auf die Bühne, weil sie ausgestellt würden, wie Tiere», sagt Michael Elber, der Gründer von HORA. «Doch das ist Quatsch. Wenn jemand auf der Bühne stehen will, dann ist es doch egal, ob er eine Behinderung hat oder nicht.» Die Schauspieler, so Elber, könnten genau unterscheiden, was Realität ist und was Schauspiel. «Wenn sich einer vor dem Publikum auszieht, dann bedeutet das noch lange nicht, dass er es auch auf der Strasse tut.» Seine Schauspieler seien Profis, Profis mit Behinderung.

Vor 20 Jahren war Elber noch weit von der weltweiten Begeisterung entfernt, die das Behindertentheater heute auslöst. Zu Beginn war sein Ensemble praktisch ein Solounternehmen, Elber arbeitete Tag und Nacht und schob ständig 40 000 Franken Schulden vor sich her. Bevor ein Projekt fertig war, musste er schon das Konzept für das nächste schreiben. «Die ersten 15 Jahre waren ein emotionales Chaos, viel Überforderung, ständiger Geldmangel», sagt er. Elbers erstes Stück basierte auf Michael Endes Jugendroman «Momo». Daher stammt auch der Name des Theaters: von der Figur des Meisters Hora, der die Menschen dazu ermahnt, sich Zeit zu nehmen.

«Mir ging es bei HORA um die Arbeit mit spannenden Menschen, nicht um ein Wohlfühlintegrationsprojekt», sagt Elber. Die Schauspieler werden noch heute in einem mehrtägigen Verfahren ausgewählt, ein Autist beispielsweise, der die Anwesenheit anderer Menschen nicht erträgt, hätte keine Chance. Es brauche Talent, und es brauche den Willen, alles zu geben und professionell zu arbeiten.

Wie das Matthias Brücker seit elf Jahren tut – so lange ist er schon dabei. Vor einiger Zeit habe er mal für ein paar Tage in einer geschützten Werkstatt gearbeitet, um sich die Arbeit dort anzusehen. Aber er mochte es nicht. «Schrauben zählen hasse ich, Briefe einpacken ist eine Scheissarbeit.» Er wolle auf der Bühne stehen, sagt Matthias: «Ich will auf der Bühne sterben.»

Noch eine Stunde bis zur Vorstellung. Langsam füllt sich der Saal. Das Publikum nimmt auf braunen Polstersesseln Platz, die Menschen tragen Hornbrillen und Röhrenjeans, ihre Handys stecken in Freitag-Taschen. Matthias ist traurig, weil er gerade erfahren hat, dass Tiziana ihn nicht will. Sie mag ihn, aber sie will Job und Privatleben trennen, sagt sie. Matthias sitzt in der Umkleidekabine hinter der Bühne, kaputte Neonröhren klemmen in den Halterungen, es riecht nach alten Socken und Bananen. «Ich will eine Freundin mit Downsyndrom, ich will etwas, das ich kenne», sagt er und weint.

Matthias, kannst du spielen?

Er wischt sich die Tränen von den Wangen, steht vom Stuhl auf, zupft sein Hemd zurecht. «Wenn ich auf der Bühne bin, ist alles andere weggeblasen», sagt er und klingt wie John Wayne. «Ich bin dann nicht Matthias, ich bin die Figur von Matthias.»

45 Minuten noch. Jeder der 450 Plätze ist besetzt.

«Als ich dieses Stück zum ersten Mal sah, war es schrecklich», sagt Bea Brücker, Matthias’ Mutter. Nach der Vorstellung weinte Matthias’ Schwester im Auto, «die sind ja ausgestellt wie Tiere im Zoo», sagte sie. Auch Julia Häusermanns Eltern mochten es nicht. «Ich fand es völlig daneben», sagt die Mutter. Mittlerweile sieht sie aber die Qualität, die in Jérôme Bels Arbeit steckt, sie sieht, was es bei den Zuschauern bewirkt.

Das Stück riss alte Wunden auf und brachte ein Problem auf die Bühne, mit dem die Eltern täglich konfrontiert sind: dass fremde Menschen ihre Kinder anstarren. Psychologen reden von einem lebenslangen Schock, der einsetzt, wenn ein Kind mit Behinderung zur Welt kommt. Matthias’ Eltern erfuhren nach seiner Geburt vom Downsyndrom, genau genommen 15 Minuten danach. Seine Mutter erinnert sich, wie der Arzt im Gebärsaal stand und sagte: «Ich glaube, das ist mongoloid.» Für den Vater brach eine Welt zusammen. «Wenn ich damals schon gewusst hätte, dass er mal als Schauspieler durch die Welt reist, allein, mit ein paar Betreuern, dann hätte ich mir keine Sorgen gemacht. Für uns ist das wie ein Märchen.»

Die Scheinwerfer gehen aus, eine Sekunde lang ist es finster, dann richtet sich der Lichtkegel auf zehn Stühle in der Mitte der Bühne. Neben jedem Stuhl eine Flasche Wasser. Die Elfmillionenmetropole Seoul, die bunten Werbeschilder, die Lichter –alles ist jetzt weit weg.

Remo, Julia, Matthias, Lorraine, einer nach dem anderen treten sie auf die Bühne und starren ins Publikum, ohne ein Wort zu sagen. Das dauert bei Matthias wenige Sekunden, andere, wie Damian, bleiben drei Minuten am Rand der Bühne stehen, ohne sich zu bewegen. Sie starren ins Publikum, so wie das Publikum auf die Bühne starrt. In einer zweiten Runde stellen sie sich vor – Name, Alter, Behinderung. Sie sprechen Schweizerdeutsch, ihre Sätze werden von einer monotonen Stimme auf Englisch und über Bildschirme auf Koreanisch übersetzt. Julia sagt: «Ich habe ein Downsyndrom – es tut mir leid», und sie beginnt zu weinen. Miranda sagt: «Ich bin einfach zu langsam, ich wünschte, ich hätte das nicht.»

Gianni kaut auf seinen Fingern herum, Lorraine stottert, drei Zuschauer halten es nicht aus und verlassen den Saal.

Das erste Tanzsolo folgt, Tiziana schwingt den Kopf zu «Niente», einer italienischen Schnulze, und läuft von einer Ecke der Bühne zur anderen. Als das Lied zu Ende ist, steht sie breitbeinig da, wartet einen Moment und lässt dann den Körper nach hinten knicken. Die Musik verklingt, die Stille ist zurück. Jemand hustet. Jemand klatscht. Jemand weint. Als Julia zu «They Don’t Care About Us» über die Bühne stampft, sind alle erleichtert, als Matthias zu «Gangnam Style» zappelt und wirbelt und hinfällt und aufspringt, da wippen die Zuschauer in ihren Sesseln auf und ab, klatschen im Takt und rufen nach Zugabe. Sie hören nicht mit Johlen auf, bis die Schauspieler an den Bühnenrand treten, sich verneigen, sich aufrichten, sich nochmals verneigen.

Später, nachdem alles vorbei ist, nachdem ihm alle gratulierten, mit ihm anstiessen, trippelt Matthias durch die Innenstadt von Seoul. Wieder diese Hochhäuser, die Garküchen, die fremden Schriftzeichen. «Wahrscheinlich will Tiziana einen Italiener», sagt er und schaut auf seine Zehenspitzen, «sie ist ja selber Italienerin, das macht Sinn.» Er läuft weiter. Schaut weder nach links noch nach rechts. «Aber ich kann das», sagt er. «Ich werde üben, Italiener zu sein.» Er werde das schon irgendwie schaffen. Er sei sich da ganz sicher.

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