Die perfekte Kreuzung

Eine Hymne auf die schönste Ecke Zürichs.

(Reportage im „Magazin“)

Für Alkohol war es noch zu früh, wir tranken Tonic Water aus kurzen Gläsern, in denen Eiswürfel schwammen, und wenn man das Glas hob, klimperte es. Das Klimpern vermischte sich mit den Salsa-Klängen weiter unten an der Strasse. Der Duft von gebratenem Fleisch lag in der Luft. Eine Frau mit Blumen im Haar fuhr auf einem blauen Velo mit roten Radtaschen heran und rief etwas in einer fremden Sprache. Männer in gelb-schwarz gestreiften Gewändern gingen vorbei, und sie hätten ebenso jene Männer vor dem Speke Hotel in Kampala sein können, oder dem Mille Collines in Kigali.

Nirgendwo in Zürich gleiten die Kulturen schöner aneinander vorbei, nirgendwo ist der Weg kürzer von Asien nach Südamerika, über die Strasse nach Afrika und auf ein letztes Bier ins alte Europa. An der Ecke Rolandstrasse und Zinistrasse ist Zürich eine Weltstadt, im „Zini“ treffen sich die Brasilianer, beim Coiffeurladen gegenüber die Zentralafrikaner, im „Kaiser Franz“ die Fussballfans, im „Biondi“ die alten Italiener, in der „Bar 63“ die alternative Szene und im „Midway“ die Thais und solche, die jetzt gerne in Phuket wären. Der Wechsel von der einen Bar zur nächsten, diese Reise um die Kreuzung, das ist dann auch eine Reise um die Welt, bloss braucht man dafür nicht ins Flugzeug zu steigen, man muss nicht mal eine Zahnbürste einpacken.

Man trifft zum Beispiel Rudi, Rudi ohne e, eigentlich Rodolfo. Rudi mag Menschen, darum arbeitet er nicht mehr als Feinmechaniker, sondern als Barmann, Rudi hat mal in Los Angeles studiert, und während er das sagt, malt er Gänsefüsschen in die Luft. Jetzt lebt er in Zürich, und wer die Bars rund um die Langstrasse kennt, der hat mit den Jahren auch Rudi kennen gelernt. Rudi klebt die Etiketten von gebrauchten Flaschen an die Säulen des „Kaiser Franz“, die Etiketten gehen schon bis zur Decke und breiten sich dort kreisförmig aus wie eine farbige Wolke, und Rudi will kleben bis die Decke voll ist. Schräg gegenüber sitzt Jonas auf der Treppe der „Bar 63“, Jonas mit dem schönen Blick, er war mal Velokurier, jetzt schiebt er Rum über den Tresen. Und gegenüber steht Rana auf dem Gehsteig vor dem „Midway“, Rana das Arbeitstier, er ist jeden Tag hier, vom ersten bis zum letzten Gast, und am Dienstag steht er nicht draussen, sondern drinnen, in der Küche, stellt sich vor einen Topf, kocht Tomatensauce, 30 Liter, 24 Stunden lang, bis die Sauce am nächsten Tag schön sämig ist und er Basilikumblätter hinein rührt. Mittwoch-Spaghettiplausch nennen es die Stammgäste, da kommen gut und gern 100 Leute, und sie reden noch am Samstag von der Sauce, und wer mag, darf scharfes Pulver darüber streuseln, extrascharf, aus Ranas Heimat Bangladesch.

Die Frau mit dem blauen Velo und den roten Radtaschen und den Blumen im Haar, sie stand noch immer auf der Strasse, rief noch immer etwas in einer fremden Sprache, da kam eine Gruppe Thailänderinnen heran. Es war 5 Uhr, ein milder Abend im August, und die Frau klappte die Radtaschen ihres Velos zurück und zeigte kleine Pakete, hübsch aufeinander gestapelt. Es duftete nach Koriander und nach noch etwas, vermutlich Zitronengras. Sie verteilte die Schachteln an die anderen Frauen, dann fuhr sie weg, und während sie radelte, wedelte sie mit der rechten Hand, zufrieden damit, ihre Freundinnen verpflegt zu haben.

Der Mann im Jeanshemd ging wie jeden Abend vorbei, er trug eine Schiebermütze verkehrt herum, auf seinem Rollkoffer war „Diesel“ eingestickt. Er ging auf einen Schwatz zur Brasilianer-Bar, wo jeweils die Sambaklänge herkommen und man einen Spiess gegrillter Hühnerherzen bestellen kann, zart und saftig vom Grill. Dann Stimmen von gegenüber. Gegenüber stehen Frauen in langen farbigen Gewändern und Männer in Poloshirts mit hochgeklappten Kragen, sie stammen aus Kamerun, sie trinken Guinness aus Flaschen, Special Export Stout, acht Prozent stark, so länger haltbar, aber leider auch mit mehr Kohlensäure als vom Zapfhahn, und das kribbelt im Mund. Die Kameruner sagen, in ihrer Heimat sei Guinness seit Jahren beliebt, aber warum gerade irisches Bier in Kamerun, das wissen sie nicht so recht, ein Mann vermutet, weil es einen so stark mache.

Meine Begleiterin bestellte bei Rudi ein Bier namens „Big Wave“, Golden Ale aus Kona, Hawaii, und als das Bier kam, nahm sie einen Schluck und hob die Augenbrauen und nickte und streckte den Finger aus. Sie zeigte über die Strasse auf ein Haus, am Balkon im ersten Stock hing etwas wie eine Piratenfahne, aber es war schwer zu erkennen, da kein Wind ging, und meine Begleiterin zeigte auf die Tür unter der Fahne und sagte: „Das sieht aber seltsam aus“. Am Nebentisch sass ein junger Mann, ihm gehörte eines der eleganten Velos ohne Lampe, Klingel und Gepäckträger, er trug ein T-Shirt mit Bügelfalte und zeigte jetzt auch auf die Tür unter der Piratenfahne und sagte, das sei eben eine sogenannte Kontaktbar, da gehe man hinein und werde angequatscht, so laufe das hier.

Etwas am „Midway“ erinnerte an Bars in Bangkok, vielleicht das grüne Neonlicht, vielleicht die Stühle und Tische, die nicht schön zu sein brauchen, sondern praktisch, vielleicht die vielen Buddhastatuen und vielleicht die Klimaanlage so gross wie die Dachbox eines Autos. Dies ist Ranas Reich, Rana das Arbeitstier, und man konnte sehr lange hier sitzen, man wurde nicht angequatscht, die Frauen hier waren damit beschäftigt, Bier und Käseküchlein auf Tabletts zu den Gästen zu balancieren. An den Wänden hingen verkehrt herum grosse Wodkaflaschen, darin farbige Flüssigkeit, grün und blau und rot, und auf den Tischen standen Körbe mit gekochten Eiern und daneben Aromat-Streubüchsen.

Unter einem grossen Fernseher, wo Spiderman lief, sass ein Herr mit weissem Schnauzbart und erzählte, wie das hier früher „Fürstenbergstübli“ hiess, wegen dem Fürstenbergbier aus Deutschland. Er erzählte von der Zeit, als der Wirt ein paar Mal zu oft weggeschaut habe, und später fand man die Drogen in den Spülkästen auf der Toilette, er sei selber mal bei einer Razzia dabei gewesen, angenehm war das nicht, aber er habe ja von alldem nichts gewusst. Und während der Herr das erzählte, spielte Ranas iPod „The Wild Boys“ von Duran Duran.

Draussen fuhr ein Kastenwagen mit Blaulicht und Sirene heran, bremste, und für einen Moment schien es, als würde hier auf der Kreuzung das Grosse passieren, aber dann fuhr der Kastenwagen davon, weiter zur Langstrasse, in eine andere Welt, eine laute Welt, wo sich Menschentrauben vor Clubs und Bars bilden, wo der Express Shop in einer einzigen Stunde sein ganzes Zigarettenregal auszuverkaufen scheint, wo die Stadt noch am Samstagabend drängelt und schubst und eilt.

Der Herr mit dem weissen Schnauzbart zeigte aus dem Fenster zur anderen Strassenseite, zur „Bar 63“, da sind jetzt die Jungen mit den hochgerollten Hosen und den Bärten. Als die gekommen seien, habe er Respekt gehabt, gedacht, da könne er jetzt nicht mehr hingehen, das sei jetzt nichts mehr für ihn. Irgendwann ging er dann doch, setzte sich da rein, und es war gut. Aber früher, ja früher war die Sylvia drauf, und zwar vierzig Jahre lang, da konnte man noch jassen, es gab Cola Kirsch und Wodka Puschkin und natürlich Bier. Das war in einer Zeit, als es hier an der Ecke noch einen Sexshop gab, und auch noch das beste italienische Restaurant der Stadt, und Sylvia, Sylvia, das war Alte Schule, sie arbeitete jeden Tag, sogar am Sonntag, sie heiratete nie, nur einmal fast, aber auf dem Standesamt fand sie den weissen Nadelstreifenanzug und die weissen Schuhe ihres Partners, des Schönau-Wirts, dermassen lächerlich, dass sie wegrannte, und vom Niederdorf aus rief sie an und sagte, die Hochzeitsgesellschaft solle feiern, einfach ohne sie.

Meine Begleiterin war längst heimgegangen, und in der „Bar 63“, sassen jetzt Menschen, die aussahen, als hätten sie gerade eine Vernissage von Jean-Michel Basquiat im Jahr 1986 besucht, im Korridor zur Toilette sind Landkarten aus einer ähnlichen Epoche an die Wand geklebt, unter Zypern hat jemand den Namen „Stefan“ geschrieben, südlich von Teheran ist ein Herz hingemalt und bei St. Tropez steht „Love Lulu“, und Lulu war auch auf den Philippinen, was mit einem grossen Kreis auf der Asien-Karte zu sehen war, denn Lulu hat, was alle an dieser Kreuzung haben: Zeit.

Draussen, in einem geflochtenen Stuhl, sass ein Maler, ein Kunstmaler, es war für ihn mal wieder ein knapper Monat und er musste den Auftrag einer Marketingagentur annehmen, um über die Runden zu kommen, und dafür malte er öffentlich ein Plakat für das neue Modell eines Autobauers. Alles ging schief. Keiner wollte sehen, was der Maler malte, dann entgleiste keine zehn Schritt entfernt ein Tram, und schliesslich ging ein Mann mit einer Pistole ins Kino nebenan, die Polizei rückte mit einem Grossaufgebot aus und sperrte das Gebiet ab, und danach wollte erst recht niemand mehr den Maler sehen. Aber jetzt war er hier, an der Kreuzung, deren wilde Zeiten vorbei sind, jedenfalls für den Moment, und er nippte an seinem Glas und lehnte sich zurück, vorbei ging eine Nutte und sie sagte: „Ficken?“

Er schaute hinüber, zum „Biondi“, wo Männer mit ausgestreckten Beinen in Plastikstühlen sassen, als wäre noch immer vier Uhr am Nachmittag, obschon es auf Mitternacht zuging, die Männer hatten sich den ganzen Abend nicht aus ihren Stühlen bewegt, und ihre reglosen Stunden fügten sich ein in die reglosen Jahre ihrer Stammbar, wo es aussah wie in einer Beiz in Untersiggenthal, mit der Feldschlösschenlampe über dem Tresen, dem „Blick“ unter der Kasse und den schwarz-roten Piktogrammen an einer Toilettentür aus Pressholz, und wo jeder am liebsten einfach in Ruhe gelassen wird.

Jonas, Jonas mit dem schönen Blick, begann nun seinen Gehsteig zu räumen, Rana das Arbeitstier steckte Gläser ineinander, im Hintergrund spielte Modern Talking „You’re my heart, you’re my soul“, und Rudi, Rudi ohne e, liess sich noch ein wenig Zeit, denn Eile kennt er nicht. Für seine entspannte Art wurde er kürzlich im Bordmagazin von Easyjet gelobt, die Leute aus London stellten seine Bar vor, als einzige der Schweiz. Sie sei eine der fünfzig besten Bars Europas, und günstig noch dazu, keine zwei Euro koste das Bier, was allerdings nicht ganz stimmt.

Langsam, langsam, wie an dieser Kreuzung üblich, gingen die Gäste von der Strasse weg und rein in die Bars, und die Kreuzung sah jetzt aus wie auf Edward Hoppers Bild „Nighthawks“, wo wenig passiert und trotzdem genug. Die Brasilianer verkauften ihre letzten Spiesse und die Kameruner leerten ihre letzten Flaschen Guinness und an ihnen vorüber schlurfte eine junge Frau mit schwarzen Zähnen und schwarzen Fingernägeln, sie streckte die hohle Hand aus und ihr Handgelenk war so dünn wie das eines Kindes. Über allen lehnte ein Mann in Unterhosen am Geländer seines kleinen Eckbalkons, im Hintergrund ein erleuchtetes Zimmer, zwischen seinen Fingern klemmte eine Zigarette. Er stand lange so da, bis der rote Punkt in seiner Hand fahler wurde und schliesslich verglühte. Träge wie ein Hummer drehte er sich um, trat ins Zimmer und verschloss die Balkontür.

 

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