Draussen sein mit: Max Usata

Der Sänger der Bieler Band Puts Marie erzählt bei einem Spaziergang nach Frankreich und Deutschland, warum er gern über die Grenze schaut.


«Es wird gleich anders», sagt er. Er eilt am alten Zollhaus vorbei, wo Gardinen den Blick in leere Büros verdecken, mal schlurft er, mal schwebt er, und die Hosen flattern um seine dünnen Beine. «Ich frage mich jeweils: Passiert es nur im Kopf?»

Ein paar Meter hinter der Grenze steht im Garten eines Hauses ein Holztisch mit schiefer Tischplatte, rundherum kniehohes braunes Gras. Ein ausgebleichter Sonnenschirm lehnt an einem Busch, und ein löchriges Tuch hat sich in einem Feigenbaum verfangen. «Eindeutig weniger herausgeputzt als da», sagt er und streckt den Daumen über die Schulter, zurück in Richtung Schweiz.

An den Strassen von Saint-Louis parken an diesem Montagmorgen ein paar Autos, aber niemand spaziert auf den Gehsteigen, niemand steckt den Kopf aus dem Fenster der Häuser. Es scheint ein verspäteter Sonntag zu sein. Der Käseladen, wo es den besten Camembert der Region gibt, ist verlassen, die Tür der Metzgerei, wo man den fabelhaften Schinken kauft, verschlossen. Nur «Au Monde du Vin» ist offen, und Max Usata geht hinein und kauft eine Flasche Aprikosenschnaps, ein Geschenk für den Gitarristen der Band Puts Marie.

Max Usata ist der Sänger der Band. Die Musiker begannen als Strassenmusikanten, sie reisten in einem alten Bedford-Wohnmobil durch Europa, sammelten Kleingeld und fragten in Clubs, ob sie auftreten dürfen. Auf alten Fotos sehen sie aus wie Obdachlose. In Mexiko-Stadt wurden sie verhaftet, weil sie nicht am Strassenrand spielten, sondern auf einer Kreuzung. Mittlerweile ist ihre Musik ruhiger geworden, sie sei nun ehrlicher, sagt der 33-Jährige. Neulich wurde die Band für den Swiss Music Award in der Kategorie Best Live Act nominiert.

Wir laufen unter rostigen Strassenlaternen durch, an einer Kirche vorbei, die an ein Lagerhaus erinnert. Vor einer roten Hecke bleibt er stehen und schaut über eine Brache aus Kies.

«Vor einigen Monaten habt ihr ein Musikvideo herausgebracht, bei dem man das Gefühl hat, ihr würdet in ein Haus einbrechen.»

«Ja.»

Max Usata blinzelt hinter seiner Sonnenbrille. Es scheint, als wolle er nichts weiter zu dem Thema sagen.

«Das war doch nicht wirklich ein Einbruch?»

«Es gibt viele Häuser in der Schweiz, die leer stehen und wo man hineingehen und wohnen kann.»

«Sie wohnen in solchen Häusern?»

«Ja.» Er macht eine Pause. «Früher schon.» Eine längere Pause. «Die Schweizer haben so viel Geld, dass sie sich zweite Häuser leisten können. Es ist doch schade, dass die nicht benützt werden.»

Für eine Weile war die Band nichts als ein loses Projekt. Max Usata wanderte 2009 nach New York aus, der Bassist nach Mexiko-Stadt, und der Schlagzeuger startete eine Solokarriere in der Schweiz. Usata besuchte die Schauspielschule von Lee Strasberg und spielte danach «Diary of a Madman» von Nikolai Gogol. Er trat auf verschiedenen Bühnen auf, in New York, Edinburgh oder St. Petersburg. Nach der Theaterzeit entstanden neue Lieder für Puts Marie. Unter anderem solche für das Album, das im Sommer herauskommen soll.

Wir spazieren nach Huningue, wo bei einem verlassenen Bahnhof Gras zwischen den Geleisen wächst und ein altes Sofa in der Sonne steht. Auf der Brücke, die nach Deutschland führt, lehnt am Geländer eine Reisetasche, daneben liegt eine Decke zusammengefaltet auf dem Boden, vor einem Plastikbecher, in dem Euromünzen funkeln. Im Park hinter der Brücke tanzt eine Frau im Flirren fallender Kirschblüten.

Schon das letzte Album, «Masoch», verhalf der Band international zu Auftritten und Interviews. Diesen Sommer sind sie nun so gut wie ausgebucht für Festivals im Ausland. Die Band hat etwas Mutiges, aber auch Abstruses, sie wirkt unschweizerisch. «Das ist der Grund, warum wir heute während drei Stunden in drei Ländern spazieren», sagt Max Usata: «Ich bin gern in der Schweiz, aber zum Ideensammeln muss ich das Land verlassen.»

In Weil am Rhein kommen wir zu einem Parkplatz, der vollgestellt ist mit Autos, denen Rückspiegel, Türen und Heckklappen fehlen. Jenseits davon steht eine verlassene Autowaschanlage, die mit grünen und roten Plastikstühlen verstellt ist. Die Stühle gehören zu einer Dönerbude, wo sich die Leute über Fleischberge beugen, während Sauce aus dem Brot tropft. Es sieht aus wie auf einer Raststätte irgendwo zwischen Istanbul und Batumi. «Das ist es: diese Störung, die es nur noch im Ausland gibt», sagt Usata.

Es ist kurz nach Mittag, wir kehren über eine schmale Brücke aus Riffelblech in die Schweiz zurück. Am Ende der Brücke beginnt das Industriegebiet Basels, und wir laufen die Geleise entlang Richtung Stadt. Unten am Fluss ankert eine Yacht, neben einem Restaurant, wo Altes und Kaputtes zu Retrochic umfunktioniert wurde. Aus dem Nichts erscheint ein Herr in königsblauem Anzug, über der Schulter eine Ledertasche mit Goldknöpfen. Er schleppt einen silbernen Rollkoffer. Als er die Fotografin auf den Geleisen sieht, sagt er: «Aber Sie wissen doch – Sie müssen hier eine Leuchtweste tragen.»

Wenig später sitzen wir im Tram Richtung Bahnhof, Usata sagt: «Die Schweizer sind so stolz auf ihre Ordnung.» Er drückt sich die Schnapsflasche an den Bauch. «Es ist ja auch nicht besonders schwierig, in einem so kleinen Land eine Ordnung zu schaffen – das ist, wie wenn man ein Zimmer aufräumt.» Das Tram quietscht um eine Kurve. «Aber man braucht ein gewisses Chaos, um etwas erschaffen zu können.» Draussen zieht der Tinguely-Brunnen vorbei, eine Kaskade aus Schläuchen und Rädern und Wasserfontänen.

Kolumne in „Das Magazin“