Kopfreisen

Seit Beginn der Pandemie werde ich gefragt, ob ich denn das Reisen nicht vermisse. Meine Antwort war stets: Nein. Aber die Hartnäckigkeit dieser Frage hat mich neugierig gemacht. Wie war das genau, als ich noch unterwegs war? Vor einigen Tagen habe ich angefangen, alte Tagebücher anzuschauen. Das ist seltsam. Ich tauche in den Alltag eines jungen Mannes ein, den ich kaum noch erkenne. Ich bin ein Tourist in meiner eigenen Vergangenheit. Dieser junge Mann hat sehr viel Zeit darauf verwendet, Details zu beschreiben. Er hatte keine Ahnung, warum tat, was er tat. Aber dank dieser Details entstehen heute Bilder im Kopf, und diese Kopfreisen empfinde ich während der Pandemie als ziemlich exotisch. Für jene, die ebenfalls gerne im Kopf verreisen, tippe ich hier (vermutlich ziemlich unregelmäßig) einige kurze Episoden ab. Gute Reise!

Diesmal war das Wiedersehen voller Sonnenschein. Ich fuhr in der Metro zum Centro Cultural. Sie saß bereits auf der Terrasse des Cafés. Sie hatte gerade ein Job-Interview hinter sich, war geschminkt, trug ein weißes Hemd mit Dreiviertelärmeln und eine schwarze Hose. Die Sonne brannte auf unsere Köpfe. Ich gab ihr mein Souvenir aus Indien: einen kleinen silberglänzenden Ganesha. Später schauten wir uns die Ausstellung des Centro Cultural an: afrikanische Masken – Federn, Stroh & Holz, und das seltsame Gefühl, die Wirklichkeit nicht gesehen zu haben. 

Sao Paulo, 27. Februar 2004

Wir fuhren zum Praça Benedito Calixto, einem Antiquitätenmarkt inmitten von Bars und Straßencafés. Die Leute trugen Irokesenschnitt, kurzen Hosen und rosarote Kniesocken. Maria blieb vor einem Verkaufsstand stehen, wo wir uns alte Fotos von Sao Paulo anschauten. Nebenan wurden indische Statuen aus Sandelholz verkauft, noch ein Ganesha, dann ein Hanuman mit Affenkopf, und ich sah Kali, mit Machete und Schale in den Händen. Wir gingen weiter, zu einer sehr alten Frau. Sie verkaufte Silberlöffel. Mir schien, dass mir die Löffel irgendwie vertraut vorkamen. Ich ging ein bisschen näher und schaute sie mir genauer an. Einer hatte ein Zürcher Wappen in den Griff eingelassen, ein anderer ein Berner Wappen und einer das Bild einer Kuhglocke.

Sao Paulo, 29. Februar 2004

Nochmals zum Praça Benedito Calixto, da dort das Essen so gut war. Ein dicker Herr spielte elektronische Gitarre und ein sehr alter Mann klopfte den Takt auf einem rundes Ding mit kleinen Metalltellern daran. Er hielt die Augen zugekniffen und hatte eine Zigarette im Mund, von der ständig Asche abfiel. Ich saß auf einem Plastikhocker beim Pasteo-Stand. Pasteo ist eine Spezialität, eine quadratische Teigtasche von der Größe eines gefalteten A4-Papiers. Die Tasche wird in Öl frittiert. Im Inneren hat es Käse, Tomatenwürfel, Hackfleisch, Fisch. Zu trinken gab es Cana – ich glaube das ist Zuckerrohrsaft. Da stand eine riesige Maschine, an der Zuckerrohrstangen lehnten. Ein Herr in weißem Panamahut schob einige Rohre oben in die Öffnung der Maschine, und unten troff Saft heraus. 

Sao Paulo, 1. März 2004

Gerade eben nahm ich die Metro vom Praça da Árvore nach Sé und dann zum Busterminal in Barra Funda. Es war Feierabendzeit und die Metro war zum Bersten voll. Ich stand mit dem Rucksack eingeklemmt in den Menschen und konnte mich nicht bewegen. Wieder einmal wünschte ich, leichter gepackt zu haben. Beim Terminal ging ich nach draußen in die menschenfreie Zone und betrachtete die Nacht über Sao Paulo hereinfallen. Wie ein rosarotes Heer von Elfen, das Finsternis anzieht. Jetzt brennen in den Häusern die Lichter und der Nachtbus fährt nach Nordwesten, an die bolivianische Grenze. Ich denke an Maria, und darüber, was sie über den Zug hinter der brasilianischen Grenze gesagt hat. 

„Das ist der tren de los muertos – weißt du was das bedeutet?“

„Der Zug der Toten“, sagte ich.

„Und weißt du auch, weshalb er so heißt?“

Ich wusste es nicht.

„Weil man ihn nicht nehmen sollte, deshalb.“

Außerhalb von Sao Paulo, 1. März 2004

Soeben stieg ein älterer Mann zu und setzte sich neben mich. Er klappte eine winzige Bibel mit hauchdünnen Seiten auf. Wann immer er eine wichtige Stelle fand, markierte er sie mit einem gelben Stift. Seine Hände waren riesig. Seine Füße steckten in schweren Lederstiefeln. Er trug abgewetzte Jeans und ein kariertes Hemd. Sein Körper schien mir jeden Tag mit Stieren zu ringen. Er schaute mich kein einziges Mal an. Als weitere Gauchos einstiegen, hob er den Kopf und lächelte.

Irgendwo im Pantanal, 1. März 2004