Ein Hauch von Gefahr im Emmental

Selbst wenn man echten Pilzkennern eine Pfanne mit Magic Mushrooms vorsetzen würde, eines würden sie nie verraten: wo der Hexen-Röhrling wächst, der Star unter den Pilzen.

(Reportage im „Magazin“)

Vergangenen Samstag fuhr ich auf der Suche nach einem Pilz ins Emmental. Ich wollte nicht irgend einen Pilz finden. Sondern einen ganz bestimmten. Er sollte rot, gelb, orange und braun sein. Und er sollte blau anlaufen, wenn man ihn aus dem Boden schneidet. Blau wie ein Bluterguss. Der Märchenpilz.

Dieser Tag würde anders enden als andere Tage. Er würde mit einem Telefongespräch mit der Krankenversicherung enden.

Der Märchenpilz, den ich finden wollte, heisst Flockenstieliger Hexen-Röhrling. Auch Schuster genannt. Er ist der Star unter den Pilzen. Das sagen jedenfalls die Pilzsammler. Der Märchenpilz liegt schwer in der Hand. Beim Essen schmeckt er nach Nuss. Er hat Biss und eine seltsame Schärfe. Der Hut kann bis zu 20 Zentimeter Durchmesser bekommen. Ein hübsches Extra: Bei Kontakt mit Sauerstoff oxidiert das Boletol, darum wird er blau. Dagegen ist der Steinpilz langweilig. Er schmeckt fade, im Mund fühlt er sich glitschig an, und wer ihn unbedingt will, findet ihn auch in der Migros. Der Märchenpilz ist eine ganz andere Klasse. Vor fünf Jahren ging ich zum ersten Mal in den Wald und schnitt diesen Märchenpilz aus dem Boden. Seither gehe ich ihn jedes Jahr suchen.

An dem Samstag im Wald, da waren Ursula und Bertha dabei. Sie sammeln seit Jahrzehnten. Sie zeigen ihre Pilze selten dem Kontrolleur. Sie sagen, sie hätten noch nie daneben gegriffen.

Fünf Minuten, nachdem wir den Wald betreten hatten, fand Ursula Eierschwämme.

Wer an jenem Samstag nicht dabei war, das war Rosmarie, die in Wirklichkeit nicht Rosmarie heisst. Rosmarie sagt so Sachen wie „warte du mal hier“, und dann raschelt es und sie ist verschwunden. Dreissig Minuten später steht sie wieder da. Mit einem Korb voller Pilze und einem Lächeln.

Einmal kam Rosmarie mit einem Pilz aus dem Wald, der Krause Glucke heisst, auch Fette Henne genannt. Er sieht aus wie ein grosser Badeschwamm. Er war zehn Kilo schwer. Niemand weiss, wo Rosmarie ihn gefunden hat, ausser Rosmarie selbst. Und sie schweigt. Die meisten Pilzsammler schweigen, wenn es um ihre Lieblingsplätze geht. Denn Pilze wachsen oft zur selben Zeit am selben Ort. Wer die Orte kennt, der muss nicht lange durch den Wald streifen und zu Boden gucken, sondern kann die Pilze einsammeln wie Äpfel von einem Baum.

Amateure brauchen eine Ursula und eine Bertha, die ihre Geheimnisse verraten. Und giftige Pilze von essbaren unterscheiden. Den Kennern genügt ein Blick, und sie wissen, mit was für einem Pilz sie es zu tun haben.

Wer ohne Kenner in den Wald geht, läuft Gefahr, beim Kontrolleur mit einem Haufen ungeniessbarem Zeugs aufzukreuzen. Man muss sich dann jeden Namen von jedem Pilz anhören. Und zusehen, wie die Pilze einer nach dem anderen im Abfallsack verschwinden. Zum Schluss erinnert der Kontrolleur daran, dass man nicht einfach wahllos Pilze aus dem Boden zerren soll. Derweil stehen andere Sammler weiter hinten in der Reihe und schütteln die Köpfe. Sie strecken ihre Körbe vor, mit all den schönen Pilzen darin. Und dann fangen sie an, gegenseitig ihren Ertrag zu kommentieren. Fremde Finger wühlen durch fremde Körbe. Wo sind diese Kostbarkeiten her?, möchten sie wissen. Aber sie fragen nicht. Das wäre unter der Würde eines Sammlers.

Einmal hat die Rosmarie der Bertha verraten, wo gerade viele schöne Parasolpilze stehen. Die Parasolpilze haben einen grossen Hut. Den kann man panieren und wie ein Schnitzel braten. Bertha fragt sich noch heute, warum die Rosmarie ihr diesen Platz verraten hat. Sie vermutet, dass Rosmarie einen noch viel besseren Ort kennt. Und dass das Einweihen ins Geheimnis in Wirklichkeit ein Ablenkungsmanöver war. Bertha soll bloss nicht woanders suchen.

Nach einer Stunde fand ich neben einem Baumstamm einen Pilz, der aussieht wie eine Koralle im Meer, mit zitronengelben Zweigen. Er heisst Klebriger Hörnling. Bertha sagte, der sei wie die Bauchweh-Korallen. Ungeniessbar bis giftig. Gleich daneben fand sie eine Schar goldbrauner Trompeten-Pfifferlinge. Ich hatte sie nicht gesehen. Sie sind etwa halb so lang wie ein Daumen und der Kopf hat die Grösse eines Einfränklers. Sie eignen sich zum Einlegen in Essig.

Ursula sagte, das Sammeln sei heute schwierig. der Frühling sei zu nass und zu kalt gewesen, darum seien die Pilze jetzt einen Monat verspätet. Sagte es und fand ein Feld voller Lacktrichterlinge. Die sind violett. Aber auch die hatte ich übersehen.

Interessant am Pilz ist, dass er weder eine Pflanze noch ein Tier ist. Er ist ein eigenes Lebewesen. Zu den Pflanzen gehört er deshalb nicht, weil er kein Licht braucht. Und obwohl er kein Tier ist, besteht er aus Chitin, wie Krebse und Spinnen. Es gibt gewisse Schleimpilzarten, die sich bewegen können. Am Morgen sind sie am einen Ort, und am Abend woanders. Die meisten Pilze sind aber mit dem Boden verwachsen. Dabei ist der eigentliche Pilz unter der Erde verborgen. Das, was aus der Erde herausschaut, ist die Frucht. Wie der Apfel am Stamm.

Pilze sind die einzigen Lebewesen, die Holz abbauen können. Nur so vermodern Laub und Äste. Der Pilz ist die Schlüsselstelle im Zyklus von Wachstum, Zerfall und neuem Wachstum. Ohne Pilze gäbe es keine Wälder. So gesehen gäbe es ohne Pilze auch keine Menschen.

Das Schwierige am Pilzsammeln ist die Ruhe. Findet man die Ruhe nicht, findet man auch keine Pilze. Ausser natürlich man ist Rosmarie und geht durch den Wald wie durch ein Einkaufszentrum, in dem man nicht bezahlen muss. Ursula sagte, man müsse im Wald immer wieder stehen bleiben und sich umsehen. Nur so könne man die Pilze entdecken. Aber das war gar nicht so einfach. Denn zehn Meter weiter sah es noch viel vielversprechender aus.

Ursula fand sechs Rötliche Gallerttrichter. Sie erinnern an die Ohren eines Schweins. Sie sind rosa, weich und elastisch wie Knorpel und riechen ein wenig nach Zitrone. Der Rötliche Gallerttrichter ist einer der wenigen Pilze, die man roh essen kann. Allerdings besteht immer die Gefahr, dass sie vom Fuchsbandwurm verseucht sind. Darum sollte man sie kochen.

Das Problem am Märchenpilz ist, dass man ihn noch schlechter sieht als alle anderen Pilze. Der Hut ist braun wie der Waldboden. Der gelb-orange Stiel ist zwar auffällig, aber meist unter diesem braunen Hut versteckt. Manchmal liegen noch Blätter darauf.

Zwei Stunden waren mittlerweile verstrichen und ich hatte ihn noch immer nicht gefunden. Ist er da drüben? Nein. Auf dieser Lichtung? Nein. Da vorn im Moos? Nein. Ursula sagte, wenn man wie vergiftet suche, dann finde man eh nichts.

Ein weiteres Problem am Märchenpilz ist, dass es eine Unterart gibt, deren Stiel wie ein Netz aussieht. Bei dem gehen die Meinungen auseinander. Die einen Sammler schwören, man könne ihn essen, andere sagen, er sei giftig. Zudem gibt es Sammler, die sagen, er habe Antabus-Wirkung. Antabus ist das Medikament, das man Trinkern gibt, damit sie keinen Alkohol mehr vertragen. Diese Wirkung des Pilzes konnte allerdings bisher nicht bewiesen werden.

Bertha fand zwei Perlpilze. Ich war an ihnen vorbeigegangen. Bertha legte einen in meinen Korb, damit der Korb nicht mehr leer ist. Perlpilze riechen nach Fisch, wenn sie roh sind. Roh sind sie ohnehin giftig. Gekocht schmecken sie fein nach Pilz.

Der Märchenpilz hat einen ganz grossen Nachteil. Er sieht ein wenig aus wie der Satans-Röhrling. Der heisst so, weil er satanische Bauchschmerzen verursacht. Die Gifte wirken ausschliesslich auf den Magen und den Darm. Es ist wie bei einer sehr starken Magendarmgrippe. Man erkennt den Satans-Röhrling am Geruch. Er riecht wie eine tote Ratte.

Ebenfalls gefährlich ist der Fliegenpilz. Das weiss jedes Kind. Er ist rot mit weissen Punkten. Er hat noch einen heiklen Bruder, den Pantherpilz, der ist braun mit weissen Punkten. Beide sollte man wirklich nicht essen. Tut man es doch, werden die Pupillen sehr gross, das Herz schlägt sehr schnell, der Mund ist trocken. Man hört Stimmen, die nicht da sind. Vor den Augen entstehen Echobilder, das heisst man sieht nicht die Dinge, die vor den Augen liegen, sondern die Dinge links und rechts davon. Das ist die Ibotensäure, sie ist aufputschend. Aber sie wird im Körper in Muscimol umgewandelt. Das ermüdet. Das heisst, im Ernstfall hat man einen Tobsuchtsanfall und fällt dann in eine Art Koma. Das Koma kann bis zu 12 Stunden dauern. Das Problem ist, dass man nie wissen kann, wie viel Ibotensäure im Pilz drin ist. Und wie viel umgewandelt wird. Je nachdem überwiegt der Tobsuchtsanfall. Oder das Koma. Eine andere Art ist der Spitzkehlige Kahlkopf, auch Magic Mushroom genannt. Er enthält Psilocybin, und das ist eine Art Bio-LSD. Er ist als Droge an Partys beliebt. In Lateinamerika wurde der Kahlkopf als direkte Verbindung zu den Göttern gesehen. Das war vor 2000 Jahren.

Noch giftiger ist der Knollenblätterpilz, der Amatoxin enthält. Das Problem am Amatoxin ist, dass das Gift nach zwei Stunden in der Leber ist. Dort angekommen sagt es allen Zellen, sie sollen jetzt sofort sterben. Das tun sie auch. Amatoxin ist eine Art Kippschalter zwischen Leben und Tod. Man merkt es aber erst vier Stunden zu spät. Dann beginnen der Durchfall und das Erbrechen. Man braucht eine Infusion des Gegengifts Silibinin. Über eine Sonde muss man Kohle in den Magen pumpen lassen, weil Kohle Gifte bindet. Wer das nicht tut, stirbt.

Ursula und Bertha fanden Steinpilze. Die wachsen immer in der Nähe der Fliegenpilze. Die Steinpilze waren jung. Sie hatten fast keine Würmer. Das interessierte mich aber nicht. Ich wollte den Hexen-Röhrling. Er hat fast nie Würmer. Er ist eben der Märchenpilz. Mittlerweile waren vier Stunden vergangen. Nichts.

Es war etwa dann, als auf meinem Handy die Nummer 043 340 16 98 zu leuchten begann. Ein Herr von der Krankenversicherung meldete sich. Er wollte mir jene Zusatzversicherungen wieder verkaufen, die ich einige Monate zuvor gekündigt hatte. Warum er das ausgerechnet an einem Samstag tat, weiss ich nicht. Ich sagte ihm, ich hätte keine Zeit. Ich sei gerade beim Pilzsammeln. Er hängte dann aber nicht auf. Er sprach sehr langsam. Er klang jung. Ich setzte mich auf den Waldboden. Ich sagte ihm, dass ich frustriert sei, da ich den Märchenpilz nicht finden könne. Ich wolle jetzt nicht reden. Aber das akzeptierte er nicht. Er sprach einfach weiter.

Das Moos war kühl. Eine Grüne Stinkwanze krabbelte vorbei. Jetzt im Herbst war sie rotbräunlich verfärbt. Feuerwanzen gab es auch. Der Wald schmatzte lustig unter dem Moos. Der Faden einer Spinne glitzerte in den Lichtpalisaden, die die Sonne durch die Bäume stiess. Der Mann am Telefon sagte etwas über die freie Arztwahl. Ich hob meine Augen und merkte erst jetzt, dass ich die ganze Zeit zu Boden geschaut hatte. Das Blau des Himmels war durch ein Mosaik von Grün zu sehen und dazwischen hingen weisse Knäuel wie Baumwollbäuschchen. Insekten brummten. Sie flogen so schnell, dass man sie nicht sehen konnte. Ich schaute wieder auf den Waldboden.

In dem Moment sah ich keine zwei Meter entfernt etwas gelb schimmern.

Nein, keine Zusatzversicherung, vielen Dank.

Ich hob die Blätter.

Hospital Eco auch nicht.

Das war er. Er war es tatsächlich. Ich legte einen grossen glänzenden braunen Hut frei.

Sana Plus ebenfalls nicht, danke.

Ich zog das Messer aus der Tasche und schnitt ihn weg.

Nein, auch keine Prevea.

Er lief blau an. Blau wie ein Bluterguss.

Nein, Sie brauchen später nicht zurück zu rufen.

Daneben noch einer.

Vielen Dank.

Und noch einer.

Auf Wiederhören.

 

One Comment

  1. Habe während dem Lesen dieses Artikels mehr über Pilze gelernt als in meinem ganzen bisherigen Leben davor :-). Abgesehen natürlich vom Spitzkehligen Kahlkopf, über den durfte man ja bereits von Martin Suter einiges erfahren. Gut möglich, dass man mich nun nächsten Herbst auch mal im Emmental in den Wäldern antreffen wird.

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