Auf dem heiligen Berg

Die einzige Konstante im untergehenden Griechenland sind die verrückten Mönche auf dem Berg Athos.

 

Wer Gott sucht, fährt auf der Schnellstrasse 16 von Thessaloniki nach Osten, an der Coca Cola-Fabrik vorbei, biegt bei den Attrappen der Kurzstreckenraketen rechts ab und steigt am Ende der Strasse aufs Schiff um. Das Schiff fährt drei Stunden die Küste einer Halbinsel entlang zu einem Berg. Frauen dürfen nicht hin. Es gibt nichts Weibliches dort, nicht einmal Hühner. Keine Kühe und keine Ziegen und keine Stuten. Der Berg heisst Athos.

Auf Athos stehen zwanzig Klöster. Die Mönche in den Klöstern sind orthodoxe Christen. Sie sehen sich als Teil der ursprünglichen Kirche, die Christus gegründet hat. Die Orthodoxen haben sich vor tausend Jahren mit den Katholiken verkracht. Es ging unter anderem um Brot. Sie konnten sich nicht darauf einigen, ob Brot nun Hefe enthalten darf oder nicht. Es heisst, man werde auf Athos freundlicher empfangen, wenn man die Krätze und die Pest habe, als wenn man Katholik sei.

An einem Dienstagnachmittag komme ich auf Athos an. Eine Gruppe Pilger marschiert die Mole von Dafni entlang, an der Hafenpolizei vorbei, wo ein Mann in Uniform an einem Campingtisch döst. Wir fahren in einem Kleinbus die Berge hoch. Nebenan sitzt Stephen. Auf der Seite seines Kopfes wachsen schwarze Haare, die nach oben hin ausdünnen und fast durchsichtig werden, als wäre er durch einen Korridor voll Spinnweben gegangen. Stephen ist Amerikaner. Er stammt von syrischen Christen ab.

„Wir sind eine aussterbende Art“, sagt er mit gesenktem Blick.

Es ist eine seltsame Welt, durch die wir fahren. Hier gibt es nichts, was das europäische Leben ausmacht, keine Teerstrassen, keine Strassenlaternen, keine Kleiderläden, keine Restaurants, nirgends läuft ein Radio, nirgends ein Fernseher, kein Mensch ist mit einer Zeitung zu sehen. Auf der anderen Seite der Berge neigt sich die Strasse zu einer Bucht voll schäumender Klippen. Aus der Bucht ragen schlossartige Mauern, mit Fenstern schmal wie Schiessscharten. Es ist das Kloster Vatopediou. Die Pilger spazieren davon, zu froschgrünen Gemüsegärten, zu Walnussbäumen gross wie Hochhäuser, zu einem Teich, in dem es sonderbar quakt.

In der Tür zum Gästehaus steht ein Mann mit Rauschebart, die Fäuste in den Hüften. Er ist der Arhondaris, der Mönch, der für die Pilger zuständig ist. Er will die Einreiseerlaubnis sehen. Athos ist autonom von Griechenland, wer den Ort betreten will braucht ein Diamonitirion. Das ist eine schriftliche Genehmigung wie sie im Mittelalter üblich war, als ein König die Reisenden mit einem Geleitbrief in sein Reich einliess.

„Das Fotografieren ist verboten“, sagt der Arhondaris, „das Rauchen ist verboten, und es ist verboten, die Mönche anzusprechen.“ Er dreht sich weg, dann hält er inne und streckt einen Zeigefinger aus. „Ausser die Mönche wünschen es.“

Ein sehr dicker Mann schnauft in den Raum und lässt sich auf einen Stuhl fallen. Er sagt, er habe für Siemens in Athen gearbeitet, jetzt sei er pensioniert. Er sei in den letzten zehn Jahren fünfzehn Mal hierher gepilgert. Dieses Mal müsse er mit Abt Efraim, dem Abt dieses Klosters, ein theologisches Problem besprechen. Ein Abt auf einer der griechischen Inseln habe kürzlich einen Teil der Bibel neu interpretiert.

„Ich kann andere Meinungen gut akzeptieren“, sagt der dicke Mann, „aber diese ist falsch.“

Beim Treffen mit Abt Efraim wolle er zudem die Bibliothek besuchen, wo ein Teil des Kreuzes ausliege, an das man Christus genagelt habe. Er wolle das Kreuz küssen. Ich dürfe ihn gerne begleiten.

Der dicke Mann sagt nun ganz beiläufig, er verabscheue übrigens den Papst. Wann immer auf Athos das Wort Papst fällt, werden die Leute wütend. Zum britischen Historiker William Dalrymple, einem Katholiken, sagte ein Mönch auf Athos, der Papst sei der Antichrist und seine Mutter die Hure Babylon. Als vor einigen Jahren auskam, dass sich der Patriarch der orthodoxen Kirche beim Papst gemeldet hatte, um den Dialog zu suchen, tobten die Mönche. Einige hissten über ihrem Kloster eine schwarze Fahne, auf der „Orthodoxie oder Tod“ stand. Der Patriarch gab den Befehl, das Kloster zu räumen, aber da liess der Abt alle Eingänge zunageln und verlautete, sollte sich jemand dem Kloster nähern, werde er es in die Luft sprengen. Mönche warfen Molotowcocktails auf Polizisten.

Der dicke Mann sieht sich mein Diamonitirion an. Er beugt sich über das Papier. Ich sage, dort stehe fälschlicherweise, ich sei Deutscher, aber in Wirklichkeit sei ich Schweizer. Der Mann nickt. Plötzlich schnellt sein Oberkörper empor.

„Du bist ein Hund!“, sagt er.

„Wieso ein Hund?“

„Ein Ketzer!“

Er tippt auf die Stelle, wo steht, ich sei reformiert. Er hievt sich aus seinem Stuhl und schlurft davon.

Als ich heute Morgen aus Thessaloniki wegfuhr, wusste ich noch nicht, ob ich es so weit schaffen würde. Gemäss offiziellen Angaben ist auf Athos jeder Mann willkommen, denn immerhin bezahlen Unesco und Europäische Union Riesensummen dafür, dass die Klöster nicht auseinanderfallen. Aber in der Praxis wissen alle Pilger, dass ein Nicht-Orthodoxer nur in Ausnahmefällen eingelassen wird. Vor einem Jahr stellte ich das erste Gesuch. Es wurde abgelehnt. Dann lernte ich einen Mann kennen, der von sich behauptete, die Hintertür zum Athos zu kennen. Einige Wochen später schrieb er, mein Diamonitirion liege nun in Ouranoupoli bereit. Ich fuhr von Thessaloniki nach Ouranoupoli. Das Diamonitirion lag tatsächlich da. Es erinnerte an ein Diplom. Mit vielen Stempeln und Wappen und Unterschriften darauf.

Bevor das Schiff kam, balancierte eine junge Frau eine Tasse, einen Silberlöffel und einen Zuckerwürfel auf einem Unterteller und sagte: „Ihr letzter Kaffee auf Erden.“ Auf dem Schiff lehnte an der Rehling ein Mann mit Schultern wie ein Geier, er zündete sich eine Zigarette an, streckte die Hand aus, zu den Hügeln und den Wäldern und rief: „Die Welt ist hinter uns! Hier sind wir bei Gott!“

Auf Athos finden Leute zu Gott, von denen man es nie erwarten würde. Sogar Bruce Chatwin fand Gott, auf einem kahlen Felsen am Meer, und er wollte der orthodoxen Kirche beitreten, aber er starb vorher an Aids.

Der erste Mensch, der hier Gott fand, war ein gewisser Petros. Er hauste fünfzig Jahre in einer Höhle und betete so lange, bis er mit seinen Gebeten wilde Tiere vertreiben konnte. Der nächste war Euthymios. Am 15. September 841 verliess er Frau und Kind, dann bewegte er sich auf allen Vieren über den Athos und ass Gras. Er lebte drei Jahre in einer Höhle, und als er herauskroch, scharten sich Bewunderer um ihn. Er pflegte seine Predigten auf einer steinernen Säule sitzend abzuhalten.

Meine Mönchszelle liegt unter dem Dach des Klosters und ich teile sie mit griechischen Zwillingen, der eine hat ein herabhängendes Augenlid, der andere ein lahmes Bein. Am nächsten Morgen um vier Uhr funkelt Orion über einem Uhrturm. Neben dem Ziffernblatt schlägt die Figur eines Mohren mit einem Hammer die Viertelstunden. Es ist sehr finster. Der Gesang der Mönche ist zu hören. Das Kloster ist tausend Jahre alt, der Innenhof ist eine abschüssig geflieste Schieferfläche, wie auf Malereien von Städten des Mittelalters. Es gibt Kreuzgänge, Säulen, Bögen, auf verschiedenen Stockwerken. Manchmal erscheint in einem Hauseingang ein Schlitz Licht und die Türen eines Lifts schieben sich lautlos zurück und das ist eine seltsame Erinnerung daran, dass dies das einundzwanzigste Jahrhundert ist.

Zum Frühstück gibt es kalte Kartoffeln und Wein. Der Ess-Saal heisst Refektorium. Die Tischplatten sind aus dickem Porphyrit. Neben mir sitzt ein junger Mann aus Athen, er hat ein Kräuseln auf den Lippen und Pausbacken. Wir dürfen nicht sprechen, aber er flüstert trotzdem. Seine Frau sei im dritten Monat schwanger und er sei hier, um für das Kind zu beten. Er sagt etwas von Vaterpflichten und Arbeitslosigkeit, als einige Tische hinter uns der Abt aufsteht und in seinem roten Samtgewand aus dem Saal gleitet, mit einem demütig gebuckelten Mönch hinter sich, der die Schleppe trägt. Die Pilger lassen Gabeln und Messer fallen und werden im Gedränge nach draussen getragen, und der Mann aus Athen ist nirgends mehr.

Vor vier Jahren wurde dieser Abt verhaftet. Die Polizei brachte ihn in ein Hochsicherheitsgefängnis. Es ging um einen Immobilienskandal. Der Journalist Michael Lewis schrieb ein Buch darüber. Der Abt hatte die griechische Regierung davon überzeugt, dass er gemäss einem uralten Dokument Anspruch auf einen See habe. Irgendwie gelang es dem Abt auch noch, den Wert des Sees mit einer Milliarde Euro zu beziffern, anstelle der tatsächlichen fünfzig Millionen. Wie ihm das gelungen sei, wollte ein Politiker wissen, als der Abt vor dem griechischen Parlament aussagen musste.

„Glauben Sie an Wunder?“, sagte der Abt.

„Langsam schon“, sagte der Politiker.

Drei Monate später wurde der Abt auf Kaution freigelassen.

Der Skandal sorgte auch international für Empörung. Allerdings finden sich ähnliche Episoden in der tausendjährigen Geschichte des Athos zuhauf. Das erste überlieferte Beispiel nahm im Juni 883 seinen Anfang, als der Kaiser in Konstantinopel schriftlich festhielt, die Mönche hätten ein Recht auf Ruhe. Das ging den Mönchen aber nicht weit genug. Sie wollten nicht nur Ruhe, sondern besonders den Berg Athos besitzen. Sie sahen ihre Chance gekommen, als der Kaiser drei Jahre später starb. Sie brachten dem Sohn des Kaisers einen gefälschten Brief, der ihnen einen grossen Teil des Gebiets vermachte und liessen ihn unterschreiben.

Ein miesepetriger Mann, der Sonnenblumenkerne aus dem Fenster spuckt, fährt mich zurück zum Hafen. Im einzigen Souvenirladen vor Ort, wo hauptsächlich Mars und Snickers ausliegen, kaufe ich eine staubige Gebetskette. Schmale Katzen streifen umher. Ich bin mir nicht sicher, ob sie wirklich alle männlich sind. Es gibt Leute, die sagen, die Katzen seien neuerdings vom Verbot der weiblichen Kreaturen ausgeschlossen. Aber die Pilger verneinen das vehement.

Das Verbot taucht in der ersten Klosterregel auf, die ebenfalls tausend Jahre alt ist, und in der die Mönche ihre eigenen Gesetze niederschrieben. Damals lebten aber noch Schafhirten auf dem Berg, und die Mönche fielen über deren Töchter her. Dies geschah so oft, dass ein Grüppchen besorgter Mönche zum Kaiser reiste, um sich zu beschweren. Der Kaiser hatte aber einen schlechten Tag und drohte, den Besuchern die Nasen abzuschneiden. Der Patriarch sorgte nun dafür, dass die Regel eingehalten wurde. Alle weiblichen Wesen mussten weg.

Ausserhalb des Hafens steht ein lächelndes Männchen neben einem Lieferwagen. Wir holpern eine gewundene Klippe entlang, wo Staub aufwirbelt. Vor dem zweiten Weltkrieg fuhr der englische Reisende Patrick Leigh Fermor im Schiff diese Küste entlang und schaute hoch, zu der Stelle wo wir jetzt durchfahren. Er schrieb in sein Tagebuch, er habe in der Felswand Einsiedeleien gesehen. Sie hätten auf Felssimsen gestanden, kaum gross genug für ein Vogelnest, die wildesten, einsamsten, melancholischsten Wohnungen, die er je gesehen habe.

Feigenbäume und Mohnblumen wachsen an der Strasse. Hinter einer Biegung kommt ein Fels zum Vorschein. Aus dem Fels wachsen festungsartige Mauern, die in Balkone übergehen und der ganze Bau sieht aus, als könnte er bei starkem Wind in die Ägäis kippen. Es ist das Kloster Simonos Petras. Der Schriftsteller Robert Byron verglich es mit dem Winterpalast in Lhasa, und so sieht es auch aus.

Das lächelnde Männchen führt in einen sonnendurchfluteten Raum, wo sich der Arhondaris an einen Tisch lehnt. Er trägt eine randlose Brille und einen Bart wie Rasputin. Auf einem silbernen Tablett steht ein grosses Glas mit Wasser, ein kleines Glas mit Tsipouro, und eine Schale mit weissgepuderten Würfeln – eine Süssigkeit namens Lokum.

Die Mönchszelle ist ein schlichter Raum mit mehreren Betten. Das ist ein Luxus, in diesem Kloster schlafen die Mönche auf dem Boden. Ich teile die Zelle mit Marios aus Athen. Er hat eine Lücke zwischen den Schneidezähnen und Augen, als würde er wenig schlafen. Er ist 25 Jahre alt. Religion interessiere ihn nicht besonders, er möge die Ruhe, die Architektur und die Landschaft. Er sagt, er sei Ingenieur. Einen Uniabschluss hat er nicht, dazu fehlen ihm noch Semesterarbeiten, und für seine Familie ist das ein grosses Problem. „Der Abschluss ist ihnen wichtiger als die Tatsache, dass ich Geld verdiene“, sagt Marios. Geld verdient er mit der Computerfirma, die er vor vier Jahren gegründet hat. Firmensitz ist London. Dort bezahlt er zwar mehr Steuern als in Griechenland, aber immerhin weiss er, wie viel das jedes Jahr etwa sein wird. Marios legt sich auf seine Pritsche. Er sagt, er könne tagsüber nie schlafen, denn sobald er die Augen schliesse werde er rastlos. Fünf Minuten später schnarcht er.

Ich beschliesse, ein wenig durch die Berge zu wandern, komme aber nicht weit. Vor den Klostermauern steht ein Mönch mit löchrigem Bart. Er hat braune Zähne und blinzelt hinter einer getönten Brille. Er sieht sehr arm aus, seine Kleider sind nicht mehr schwarz, sondern ein ausgewaschenes Grau. Auf seinem Kopf sitzt ein breitkrempiger Hut, der mit einer Art Aluminium beschichtet ist und funkelt. Der Mönch steht neben einem Brunnen und krümmt sich unter der Last eines Rucksacks. Ich ziehe die Kamera hervor, da ich den Brunnen fotografieren will. Der Mönch hebt die Hand.

„Dieses Licht ist doch viel zu hart“, sagt er.

Er heisst Bruder Avercios und ist etwa vierzig Jahre alt, „vielleicht auch einundvierzig oder zweiundvierzig, ich weiss es nicht mehr so genau“, sagt er.

Er erzählt von Bruder Isaias, einem Schweizer, der hier lebt. Isaias sei in der Romandie aufgewachsen, seine Eltern seien strengreligiöse Buddhisten aus China. Mit zwölf begann er über das orthodoxe Christentum zu lesen. Mit sechzehn liess er sich taufen. Seit vielen Jahren ist er hier. Bruder Avercios schnippt mit dem Finger, er will, dass ich mit Isaias rede. Er betritt ein ebenerdiges Steingebäude, wo an der Wand Schraubenzieher hängen, nach Grösse sortiert. An einer Werkbank steht ein breiter Mönch mit einer riesigen Zange in der Hand und beugt sich über einen Motor. Bruder Avercios durchquert die Werkstatt und bleibt vor einem Telefon stehen. Er klemmt den Hörer zwischen Schulter und Wange und wählt eine Nummer.

„Kennst du Baden, dieses Dorf ausserhalb Zürich?“, sagt er.

Er schüttelt den Kopf, legt den Hörer auf das Telefon nieder, nimmt den Hörer nochmals ab und wählt eine neue Nummer.

„Ich hatte Freunde da. Vor sehr langer Zeit“, sagt er.

Er schüttelt wieder den Kopf. „Niemand da.“

Vesper dauert eine Stunde, danach gehen alle ins Refektorium. Ich sehe kurz Bruder Isaias, den Schweizer, der aussieht wie ein Tibeter, mit schmalen Augen und dunkler Haut. Ein schütterer Bart spriesst an seinem Kinn. Während dem Essen flüstert Marios, wir müssten nachher gleich zurück in die Kirche. Dort steht in der Mitte des Raums ein Tischchen und dahinter ein Mönch mit fuchsrotem Bart. Auf dem Tischchen stehen zwei silberne Kugeln. In jeder Kugel liegt eine weitere Kugel, die die Farbe von Elfenbein hat, und in einer dieser Kugeln hat es einen Schlitz, der in der Mitte zu einem grossen Loch wird.

Ich weiss wenig über die orthodoxen Bräuche, aber ich bemerke, dass in diesem Moment etwas Aussergewöhnliches passiert. Auf Athos kann man sich an alles erinnern, ganz besonders an die Gier der Andersgläubigen. Einer der schlimmsten war der englische Reisende Robert Curzon, der seine Koffer mit antiken Manuskripten füllte. Noch schlimmer war nur Konstantin von Tischendorf, ein Deutscher, der im Katharinenkloster am Berg Sinai den Codex Sinaiticus einpackte, die älteste Abschrift des Neuen Testaments. Tischendorf sagte später, er habe das Manuskript in einem Korb voll Feuerholz gefunden und es bloss vor den Flammen retten wollen. Die Mönche hingegen behaupten bis heute, Tischendorf habe den Bibliothekar mit Schnaps abgefüllt. Seither tendiert man dazu, die Schätze vor den Ungläubigen fernzuhalten.

Diese Kugeln, sagt der Mönch, seien die Schädel von Heiligen. Er macht mit der flachen Hand eine Wischbewegung zu einem Kasten aus Silber. Der Kasten ist etwa so gross wie eine Schuhschachtel und der Deckel steht offen. Im Deckel ist die Goldprägung von zwei Männern mit Heiligenscheinen zu sehen, sie stehen um ein Gebäude herum, das der Aussenansicht dieses Klosters sehr ähnlich sieht. In der Kiste liegt ein Kreuz aus Silber. In das Kreuz ist ein kleineres Kreuz eingelassen. Es ist schwarz und hat eine Holzstruktur.

Der Mönch mit dem roten Bart senkt den Blick und sagt sehr ergriffen: „Das heilige Kreuz.“

Marios beugt sich vor und küsst das Kreuz.

Der Mönch zeigt auf eine Keule aus Silber, die mit Mustern verziert ist und nach vorne hin dicker wird.

„Die linke Hand von Maria Magdalena“, sagt der Mönch.

„Was denkst du?“, fragt Marios als wir die Kirche verlassen. Ich sage, ich wüsste es nicht.

Als die Sonne untergeht, stehen wir auf dem Balkon des Klosters, hunderte von Metern über der Brandung. Im Hintergrund ist das päng-päng-päng zu hören, wenn die Mönche mit einem Stock auf ein Holzscheit schlagen, um zum Gottesdienst zu rufen. Der Horizont ist eine Schliere aus Muschelrosa. Die letzten Sonnenstrahlen werfen ein Netz aus Schatten auf den Riemenboden, und zwischen den Ritzen in den Brettern schimmern weit unten Felsen. Marios nähert sich dem Wandgemälde eines rotgesichtigen Ungeheuers mit schmalen Augen und flacher Nase, das stark an Fresken in buddhistischen Klöstern im Himalaja erinnert. Daneben ist ein Bild des Einsiedlers Simon aufgemalt. Simon trägt einen langen braunen Umhang, mit einem Schädel verziert. Über Simons Kopf leuchtet eine goldene Scheibe, und seine Augen sind etwas gross geraten, wie die Augen eines aufgeschreckten Rehs. Der Legende nach wohnte Simon in einer Höhle oben am Berg und eines Nachts gab ihm Gott den Auftrag, auf dem schroffen Felskegel weiter unten ein Kloster zu bauen. Simon hielt das für unmöglich und baute stattdessen etwas abseits davon, aber die Mauern stürzten jede Nacht wieder ein. Widerwillig hievte er die Ziegelsteine und die Balken zum Felsen hoch. Nun lief der Bau wie von allein und Simonos Petras entstand.

Aus dem Nichts schwebt ein kleiner krummer Mönch herbei, sein Bart reicht ihm bis zum Bauchnabel. Er scheint sehr alt zu sein, mit einem Gesicht voller Falten, aber er hat die flinken Augen eines jungen Mannes.

„Was schaut ihr unsere Gemälde an?“, sagt er. Er setzt sich auf eine steinerne Bank. „Oder unsere Ikonen und Kirchen?“ Er zieht eine Gebetskette hervor und zwirbelt sie durch die Finger. „In euch selber müsst ihr schauen.“

Niemand weiss, wie das Gespräch nun weitergehen soll. Oder ob es überhaupt ein Gespräch ist. Marios steht da und lächelt in die Dämmerung. Der Mönch stützt die Hand auf dem Knie ab und schaut zu Boden.

Wir treten hinter eine niedrige Tür. Im ersten Moment ist es finster. Es riecht nach altem Weihrauch und verbranntem Öl. Entlang der Wände stehen geschnitzte Nischen, in denen Mönche sitzen und die Ellbogen auf hohe Lehnen stützen. Marios küsst die Ikonen und betritt den nächsten Raum, der etwa so gross ist wie ein Wohnzimmer. Im Raum stehen goldene Kerzenständer, und in der Mitte schwebt über dem Boden ein Ring aus Gold, wie eine überdimensionale Krone. Im Zentrum des Rings hängt eine Goldkugel, und am unteren Ende der Kugel ragt ein schlaff ausgestreckter Finger heraus.

Als die Mönche Kandelaber an langen Seilen von der Decke herunterlassen und die Kerzen entzünden, wir es heller. An den Kronleuchtern stecken viele Kerzen, aber die Mönche zünden nie alle an. Sie schubsen die Kronleuchter an, die hin und her pendeln, als wären wir auf einem Schiff. Die Bedeutung ist mir ein Rätsel. Mein Blick bleibt an der Malerei einer roten Kuh hängen, unter der Feuer brennt.

Die Mönche verbergen ihre Hände in den langen Ärmeln. Sie haben das Haar unter die Hüte gesteckt, und über den Hüten tragen sie einen Schleier, der ihnen über die Schultern fällt. Wenn sie vorbeihuschen, wehen ihre Umhänge, und darunter ist ein dickes schwarzes Tuch zu sehen. Auf der Höhe der Hüften ist in das Tuch ein Schädel eingestickt, mit zwei gekreuzten Knochen darunter.

Sie löschen die Kerzen wieder. Nun ist nur noch auf der linken Seite des Raums eine goldene Glocke zu sehen, die über einem aufgeschlagenen Buch hängt. Ein seltsam weiches Licht fliesst aus der Glocke. Aus der Dunkelheit hinter der Glocke tritt ein Mann mit stechenden Augen. Sein Bart ist schwarz wie Pech. Er beginnt zu singen. Die Stimme klingt, als käme sie tief aus der Erde, man kann sie in den Lehnen der Holznische spüren. Ich weiss nicht, wie lange der Mann singt, aber ich wünschte, er würde nie damit aufhören. Als er verstummt, macht er einen Schritt zurück, aus dem Licht der goldenen Glocke in die Finsternis.

Nun dringt auf der rechten Seite der Kirche eine Stimme hinter der Wand des Chorgestühls hervor. Die Stimme scheint dem ersten Sänger zu antworten, sie ist ein wenig höher und hat nicht dieselbe Kraft. Aber dann mischt sich hinter dem Chorgestühl eine weitere Stimme hinein, und sie hallen an den Wänden.

In einem Moment der Stille, vielleicht drei Sekunden, vielleicht vier, tritt auf der linken Seite der Mann mit den stechenden Augen zurück ins Licht. Ihm folgt ein sehr alter und sehr grosser Mönch, dessen untere Gesichtshälfte vollkommen hinter einem weissen Bart verborgen liegt. Sie singen ihre mysteriösen Worte, langsam, ihre Stimmen steigen an, schwellen wieder ab. Der Gesang geht hin und her, von der linken Seite zur rechten, während Stunden, immer mehr Mönche drängen sich um die goldene Glocke. Ich bekomme Gänsehaut. Die Stimmen sind jetzt überall, in den Steinwänden und den Holzbalken und irgendwann weiss ich nicht mehr, wo sie herkommen, ob von hier oder von den Büschen und Bäumen und Steinen draussen, oder den Wolken und dem Meer. Ich schäme mich für meine mangelhafte Bildung auf dem Gebiet der Orthodoxie. Ich habe den Eindruck, dass dieser Gesang im Grunde alles ist, was zählt. Aber ich verstehe ihn nicht. Als ich aufschaue, sehe ich Bruder Isaias, der von der anderen Seite des Mittelgangs herüberblickt. Ich will zu ihm hingehen, aber dann kann ich seinem Blick nicht mal standhalten. Von irgendwo kommt nun Angst. Ich weiss nicht warum, oder was sie bedeutet. Ich verlasse die Kirche und gehe nicht mehr zurück.

Zum Frühstück gibt es kalten Fisch und rohe Zwiebeln.

Vor dem Kloster wartet Bruder Avercios in einem Mercedes Sprinter. Er hat seinen glitzernden Aluminiumhut abgelegt und trägt eine schlappe Mönchsmütze. Dazu eine Carrera-Sonnenbrille aus den Achtzigerjahren. Er dreht den Schlüssel.

„Was haben die Schädel und die gekreuzten Knochen auf euren Gewändern zu bedeuten?“, frage ich.

„Dass wir tot sind für die Welt“, sagt er und bremst hinter einem Lastwagen ab, der den Berg hochkriecht. Hinter dem Lastwagen pufft eine schwarze Wolke empor. „Der ist zu langsam für mich“, sagt er. Der Lastwagen fährt zur Seite, Bruder Avercios würgt den ersten Gang ein und während er am Laster vorbeisteuert, schrammt der Seitenspiegel an der Felswand.

„Was heisst das – tot für die Welt?“

Wir brausen an der Höhle vorbei, in der Simon Gott erschienen war und Bruder Avercios bekreuzigt sich.

„Für die Aussenwelt existieren wir nicht mehr, wir wollen nichts mehr mit ihr zu tun haben.“

Durch seinen strähnigen Bart funkelt die Ägäis ausserhalb des Fensters. Das Wasser hat die Farbe von Pfefferminztee.

„Hier sind wir sicher“, sagt er. Er nickt in Richtung Meer. „Da draussen: nur Versuchungen.“

Wir schweigen. Eiben und Zypressen ziehen vorbei. Die Blätter von Rhododendren und Stechpalmen glitzern in der Sonne. Schiefe Felsen neigen sich über den Abgrund zum Meer.

„Wie war dein Leben früher?“, sage ich.

Er streicht sich bedeutungsvoll über den Bart. Er sieht jetzt sehr glücklich aus.

„Ich war ein Rechtsextremer“, sagt er.

Als das Schiff in den Hafen einläuft, wartet Bruder Avercios auf einen Mann mit einer Schubkarre voll Konservendosen und Mehlsäcken und Eierschachteln. Mir fällt erst jetzt auf, wie gross und dünn Avercios ist. In seinen Lumpen sieht er aus wie ein verwahrloster Tourist, der zu lange in Indien war. Er steht stolz und aufrecht da und lächelt gütig, als der Mann mit der Schubkarre ihm die Hand küsst. Das letzte, was ich von ihm sehe, ist die gefranste Lasche seines Beutels, die hinter eine Hausecke flattert.

Ich fahre mit dem Schiff weiter zum Kloster Xenofondos, für die letzte Nacht auf dem Berg. In diesem Kloster gab es vor tausend Jahren einen Skandal, als auskam dass der Abt ein Eunuch ist. Der Abt wurde mit Schimpf und Schande vom Berg gejagt, aber da er als ehemaliger Flottenkommandant gute Beziehungen zum Kaiser hatte, bestimmte der Kaiser, der Eunuch dürfe auf seinen Posten zurückkehren. Das tat er dann auch, und er hielt sich fortan drei bartlose Jünglinge als Diener.

Der Arhondaris ist ein mürrischer Mann mit grossen Füssen, der die Gänge hoch und hinunter stapft. Er hat einen Bart wie ein Reisigbesen. Die Zelle teile ich mit einem alten Griechen namens Petros und er schenkt mir ein Heiligenbild von Paisios und sagt, es würde mich in der Aussenwelt beschützen. Im Gästehaus treffe ich einen rumänischen Pilger mit einer Hasenscharte. Er ist sehr besorgt: die Russen, die Muslime, die Luftverschmutzung, das Bienensterben. Er umarmt die Balustrade eines Balkongeländers und wann immer er ein neues Thema anbricht, sagt er: „Weisst du, Michail, in der Aussenwelt…“ und er lässt mit einem Arm die Balustrade los und winkt über das Meer zum Horizont, wo alles schlecht ist. Ich sage ihm, er müsse sich keine Sorgen machen, die Dinge würden sich bestimmt zum Besseren wenden.

„Nein, Michail“, sagt er, „alles wird schrecklich werden.“

Das Kloster hat Besuch von einem ukrainischen Bischof. Er hat das Gesicht eines Schuljungen und die Stimme eines Strassenräubers. Während der Messe wuselt ein kleiner Mann ohne Kinn um den Bischof herum. Er trägt Turnschuhe und einen grünen Wollpullover. Wann immer er von einem Novizen gestupst wird, rennt der kleine Mann zu den Ikonen, fällt mit Küssen über sie her und seine Arme wirbeln über die Brust wenn er sich bekreuzigt.

Am nächsten Tag reicht er eine kalte Hand und stellt sich als Andrew vor. Andrew stammt aus Colorado und besucht zum ersten Mal Europa. Er kam als Protestant zur Welt, aber an einem Abend vor neun Jahren, nach einem Scrabble-Spiel mit Freunden, fuhr er im Auto nach Hause und da stand plötzlich ein Anhalter an der Strasse und Andrew trat auf die Bremsen. „Ich weiss nicht warum, ich hatte zuvor noch nie für einen Anhalter gebremst“, sagt er. Er vermutete, der Mann sei obdachlos, so sah er zumindest aus. Zu Andrews Erstaunen war der Mann aber nicht unglücklich, ganz im Gegenteil. Während sie durch die amerikanische Nacht fuhren, erzählte der verwahrloste Mann vom orthodoxen Christentum. Am nächsten Morgen suchte Andrew im Internet eine Kirche in seiner Nähe. Ein Jahr später konvertierte er.

Andrew und ich gehen unter einem Orangenbaum durch, zum Schiffssteg des Klosters. Am Strand liegt eine tote Meeresschildkröte auf dem Panzer, und im Wasser schwimmen Fische, die ihre Köpfe an die Luft strecken. An Andrews Rucksack baumelt der Zweig eines Olivenbaums. Andrew sah während einer Wanderung den Baum, mit einem Stamm so dick wie ein Fass, und der Gedanke schoss durch seinen Kopf, dass in den letzten tausend Jahren ein Heiliger unter dem Baum durchgegangen war. Er knickte einen dürren Zweig ab.

Auf dem Schiff lehnen wir uns an die Reling ausserhalb der Bordkantine. Andrew erzählt, er sei heute früh aus dem Kloster gegangen und habe vor den Klostermauern Tropfen auf dem Kopf gespürt. Er schaute hoch, sah aber keine Wolken. Er fragte einen Mönch, ob es geregnet habe, und der Mönch sagte, das sei ausgeschlossen, im Mai regne es nie.

„Verstehst du?“, ruft Andrew, „ich habe ein Wunder gesehen!“

Dann geht er in die Bordkantine und holt sich eine Dose Amstel-Bier.

Und plötzlich ist sie wieder da, die Welt. Mädchen in Bikinis balancieren auf Steinen am Ufer und winken. Kinder schwenken griechische Fähnchen. Frauen in geblümten Kleidern werfen die Arme um ihre Ehemänner. In den Restaurants beugen sich die Leute über Souvlaki.

Einige Meter vom Schiffssteg entfernt steht ein brauner Reisecar. Der Motor schnurrt. Hinter der Windschutzscheibe klebt ein Zettel, mit dem Wort Thessaloniki bedruckt. Der Fahrer tapst mit den Fingerkuppen auf den Schalthebel und die Pilger drängeln zu den Sitzplätzen. Die Türen surren und klappen zu. Griechische Popmusik dröhnt durch den Bus.

Als das Schnurren des Motors in ein Brummen übergeht, eilt draussen ein Mönch heran. Seine Kutte flattert im Wind. Er trägt in jeder Hand eine Reisetasche, und er will jetzt winken, denn er hebt die Arme leicht an, aber die Taschen sind zu schwer. Als der Bus in die Hauptstrasse einbiegt, schüttelt der Mönch den Kopf. Seine Taschen fallen auf die Strasse. Der Bus hinterlässt eine Wolke aus Staub. In der Wolke sind nur noch zwei Arme zu sehen, sie fuchteln in der Luft. Wie die Arme eines Ertrinkenden.

Reportage in „Das Magazin“